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AUSZEIT IM SCHAFSTALL

von | Okt 29, 2021 | KITCHEN

oder … Leben wie Gott in Frankreich – Part I

Anfang September ging es uns wie vielen, mit denen wir sprachen. Zum Ende dieser bizarren C-Zeit umschlich uns ein Jetlag-ähnlicher Zustand. Wir spürten wieviel Energie die Ereignisse der letzten 18 Monate gekostet hatten. Unsere Akkus blinkten hellgelb. Ein tiefe Sehnsucht nach Ruhe, nach Runterkommen machte sich breit. 

 

Eine der frankophilen Gesichtsbuch-Gruppen, bei denen ich Mitglied bin, spielte mir Impressionen einer extrem hübsch renovierten Bergerie vor die Augen – eine ehemalige Schäferunterkunft mitten in the Middle of Nowhere.

Kirsten war ähnlich fasziniert wie ich, von diesem abgeschiedenen Kleinod am Rande der Provence. Und so brachen wir am 23.09.2021 mit unserem „schwarzen Schaf“ in Richtung Frankreich auf.

Es gibt zweifellos komfortablere Gefährte, als ein vierzehn Jahre alter Landrover Defender. Aber dessen Ladekapazität, seine entschleunigende Maximalgeschwindigkeit von 130 km/h und Paulas Lager direkt hinter unserer Sitzen waren Argumente, die wir nicht wegdiskutieren wollten. 

Die Fellnase schien zu ahnen, wohin die Reise gehen könnte, angesichts des Equipments, das wir in den Landy wuchteten. Eine Batterie von Kupfertöpfen, die Lederrolle mit meinen Lieblingsmessern, ein Granitmörser .… alles Indizien, die darauf hindeuten, dass es ins Mutterland des Genusses gehen könnte – glaubte ich in ihren Augen zu lesen. Ich bin kein sonderlich esoterischer Mensch, aber es fällt schwer zu glauben, dass Fellnase nebst Herrchen nicht schon mal irgendwo in Frankreich gelebt und genossen haben könnten. 

Apropos Genuss …. der Hinweg führte uns quasi durch das Mekka der Käse-Freaks, der Fromagerie vom Cheese-Papst Bernard Anthony in Vieux-Ferrette, im Elsass. Eine ansehnliche Auswahl seiner Käsespezialitäten, arrangiert in einer schönen Holzkiste fand in unserer Kühlbox Platz. Direkt neben Paula, die eigentlich nie sabbert – außer in diesem Fall!

Mein absoluter Favorit, wie sich später herausstellen sollte, war ein Saint Nectaire. Sein nach Kartoffelkeller duftendes Aroma, weckte tief verborgenen Kindheitserinnerungen in mir. 

www.youtube.com/watch?v=5rDCPbM347w

Die Ankunft in der liebevoll eingerichteten Bergerie unterstrich nochmal, dass unser 4×4-Untersatz die passende Entscheidung für unser Zuhause auf Zeit nebst Umfeld war. Und … dass wir uns in diesem Refugium labrador-retriever-wohl fühlen werden. 

Einem ausgiebigen Spaziergang durch die umliegenden Weinberge, Wälder und Felder am Sonntag folgte eine Einkaufstour am Montag. Ein Papier mit Einkaufsempfehlungen unserer Hausbesitzerin Myriam erwies sich als „Schatzkarte:“ 

Herrliches Baguette von ihrem Lieblingsbäcker verströmte seinen Duft im Landy. Kirsten konnte ihre Verzückung über eine wie gemalt ausschauende Zitronen-Torte kaum bändigen.

 Und ich …. ich verliebte mich in einen Metzger – besser gesagt in seine Produkte. Während ich mich für seine Salamis und Pasteten begeisterte, war es bei ihm die Faszination für unseren Landrover. Der Beginn einer großen Freundschaft – das spürte ich. 

Beim Aufspüren eines der besten Olivenöle Frankreichs durften wir überrascht feststellen, dass wir möglicherweise vom Produzenten zum Nachbarschaftsfest eingeladen würden – wenn es in den nächsten beiden Wochen stattfände. Die Ölmühle von Soulas lag nur 2,3 Kilometer von unserer Bergerie entfernt.

 Auf dem Rückweg unserer Einkaufstour haben wir noch zwölf Flaschen heimischen Wein „getankt“ und so waren wir bzw. unser Kühlschrank gerüstet, um den lieben Gott in den nächsten Tagen einen guten Mann sein zu lassen – sprich uns dem Müßiggang hinzugeben. 

Schreiben, lesen, beim Boule-Spiel Pastis schlürfen, abendliche Sundowner-Walks durch die Weinberge, allabendliche Candlelight-Dinner mit Blick in einen naturgegeben Flatscreen von gefühlten 3.000 x 5.000 Meter …. eine tiefe Zufriedenheit ergriff uns drei.

 Am Wochenende war unser Entspannungsgrad einem Besuch auf dem Antikmarkt in Avignon angemessen. Apropos angemessen …. eine sehr alte Peugeot-Kaffeemühle (ein Modell aus einer Fertigung zwischen 1890 – 1919, s.h. oben rechts) erschien mir angemessen, unser Küchen-Repertoire zu bereichern. 

Aktueller Einschub beim Schreiben dieser Zeilen: 

Nochmal „apropos angemessen“ … der Glöckner der Kirche im Rücken meines Schreibplatzes macht darauf aufmerksam, dass nunmehr die zweite Tageshälfte anbricht. Ich halte es für angemessen, in die weiteren Zeilen mit einem schwach dosierten Pastis einzusteigen. 

Wir haben Sonntag, die Sonne lacht, ich schaue auf wunderschöne Impressionen von unserer Reise …. ich tue das, was ich in der Bergerie getan hätte. Ich erfreue mich an dem Duft von gekühltem Anis, der den Gaumen für den Lunch bereit macht. Aber vorher geht es ins Finale dieser Kitchen-Story. Wo waren wir? 

Ach ja, auf dem Antikmarkt. Ich rieche gedanklich den Duft frisch gemahlener Kaffeebohnen, der aus dem Mahlwerk dieser Mühle hochsteigt, als ich dem zufriedenen Händler die Euronen überreiche.

Wir feiern diesen Deal bei Crevetten, Sardinen-Filets, Austern, Fritten, Rouille und Weißwein. Umgeben von Marktständen und entspannten Einheimischen wächst meine Wunschliste um zwei frankophile Must-Haves: ein antikes, silbernes Anlege-Besteck und ein Allzeit-dabei-Laguiole-Messer, wie es der französische Opi am Nebentisch aufklappt, um stilecht das Austernfleisch aus der Schale zu lösen. Ich stelle fest, dass ich immer mehr Gefallen an dieser schlüpfrigen Muschelart finde. Bis vor einiger Zeit habe ich die Dinger als Wichtigtuer-Yuppie-Food abgetan. Aber hier, in diesem Land … in dieser Gesellschaft von das-Leben-genießenden-Einheimischen lasse ich mich anders darauf ein. Ich schmecke schlürfend das Meer und freue mich darauf, Kirsten ihren Wunsch zu erfüllen und sie in den nächsten Tagen ans Meer zu fahren. 

Auf dem Rückweg begleiten uns zwei stattliche Zwiebeln …. Körbchengröße C würde ich sagen. Nicht als ausgewiesener Praktiker, sondern als in Google-Rechercheur. Demnach dürften die ca. 16-18cm großen Zwiebeln mit Fug und Recht in Kategorie „C“ einzuordnen sein. 

Was macht man denn mit so Teilen? – fuhr es mir bei meinem Morgenzeilen am nächsten Tag  durch den Kopf. Die Gedanken flossen in eine Skizze – einer Idee vom fertigen Gericht.

Also, solltet ihr euch einmal glücklich schätzen dürfen, solche Monsterzwiebeln zu ergattern …
wir haben sie wie folgt verarbeitet: 

sorgfältig aushöhlen

in Gemüsebrühe bissfest garen

die „Aushöhl-Beute“, sprich das Innen- leben der Zwiebeln mit Butter, Rosmarin, weißem gemörsten Pfeffer und Meersalz-Flocken braten 

grob gehacktes Rinderhack anbraten 

Baguette-Reste in Milch einweichen 

die gebratenen Komponenten (Zwiebeln und Rinderhack) mit dem ausgedrückten Baguette vermengen und diese Masse in die bissfest gegarten C-Körbchen-
Zwiebeln füllen

 – die großen Zwiebeln in eine Pfanne geben …. den Rest der Masse drumherum arrangieren und das ganze mit Käse- Raspeln bedecken

die Pfanne für 20 Minuten bei 200 Grad in den Ofen 

Dazu gab es bei uns einen Gemüsereis und einen Gewürztraminer aus dem Elsass. Der Geschmack: „Ein Gedicht“ – besser noch … ein Band von Gedichten.

So, die Anzahl der geschriebenen Worte, die Impressionen unserer Tour und die Lust am Teilen dieser Erlebnisse mit euch signalisieren mir, dass es einen Zweiten Teil zu dieser Story geben könnte.

Was bislang feststeht ist, dass der Spruch „Leben wie Gott in Frankreich“ keine hohle Phrase ist. Wenn man das Ganze ein wenig globaler betrachtet – sprich das er für alle Menschen auf diesem Planeten zuständig und überall zu Hause ist … bin ich mir ziemlich sicher, dass Küche und Esszimmer des Heilands in unserem Nachbarland zu verorten sein dürften!

In diesem Sinne, 

bleibt gesund, pflegt eure Gastfreundschaft und genießt das Leben!