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Dachpappe füllt den Magen, aber nicht die Sinne

von | Feb 27, 2020 | Kolumne

„Plädoyer für die Bäcker“ 

Im Februar 2017 konntet ihr lesen „Die Geschichte vom Täääääddderrrräääää-Baguette.“ Getreu dem Motto „Koche nichts, worüber du keine Geschichte erzählen kannst“ hatten wir dort unsere Wiederentdeckung des belegten Baguette mit euch geteilt. Aus dem akuten „Schmacht“ von Kirstens Papa Hermann, dem wahrscheinlich ältesten Pop-up-Galeristen auf diesem Planeten, haben wir dieses Gericht kreiert. Schmacht bezeichnet umgangssprachlich eine Form von Verlangen, wie z.B. großem Hunger. Das war unser persönliches Schlüsselerlebnis das Thema Brot und Stullen fortan zu kultivieren.

In unserem zweiten Magazin „My-local-Wedding-Guide“ haben wir diese Geschichte fortgeschrieben, dort lest ihr vom Bride-Baguette und Bachelor-Fladen.

Mittlerweile nehmen wir eine weltweite Renaissance wirklich guten Backwerks war, sogar die Dänen erfinden ihr Smörrebröd neu – das könnte ihr auf Netflix verfolgen. Im November 2019 hatten wir die Gelegenheit, ein „Plädoyer für die Stulle“ im Rahmen unserer „Kitchen-Stories“ auf der Messe Essen zu präsentieren – nachzulesen im Dezember-PAN 2019. Wir haben uns dort aus dem Leben geschmiert, um unsere Begeisterung für wirklich gutes Brot mit den Messebesuchern zu teilen. Verbunden mit dem leidenschaftlichen Appell, die Menschen zu wertschätzen und zu stärken, die dieses Handwerk für uns konservieren, die BÄCKER. 

Ungefähr einen Monat später trieb mich mein nächtlicher Schmacht in eine Verkaufsstelle für Nahrungsergänzungsmittel (Discounter). Dort, wo man noch Lebensmittel erwerben kann, während die richtigen Handwerker, wie Bäcker und Metzger, sich vom Tagwerk ausruhen und sich auf das frühe Aufstehen vorbereiten. Ich schlenderte durch die seelen- und  menschenarme Verkaufsfläche und griff eher gedankenlos in ein Regal mit Schnitt-Brot. Eingeschweißter Serrano-Schinken gesellte sich dazu. Beim heimischen Auspacken des Schinkens folgte mein erster Fluch: Für das Schneiden des Schinkens wurde wahrscheinlich ein Hochpräzisions-Laser, gesteuert durch künstliche Intelligenz, verwandt. Der gesunde Menschenverstand, hätte hier eine großzügigere Scheibchen-Dickte gewählt. Das Auseinanderfuddeln von Scheibchen und Trennplastik lies mein Haar spontan noch grauer werden. Die Plastiktrennscheiben waren blickdichter, als der Schinken. Durch den konnte ich mühelos die Tagesthemen noch sehen. Dementsprechend aufgeladen öffnete ich diese Plastik-Metall-Banderole des Schnittbrotes. Das ging zwar geschmeidiger, aber beim ersten Bissen tauschte ich Brot-Brettchen gegen iPädchen, um folgenden Post in die Welt zu blasen: 

Vertrag mit mir selbst: Das war das absolut letzte Brot, was ich abgepackt gekauft habe. Ohne es konkret zu wissen, glaube ich das Dachpappe schmackhafter sein könnte.

Ich werde dieses Exponat industrieller Backkunst wohl herkömmlich entsorgen müssen. Das taugt nicht mal als Entenfutter.

Mein Herz und Brotbudget gehört fortan ausschließlich den Bäckerinnen und Bäckern dieser Nation.

„Versprochen ist versprochen und wird nicht mehr gebrochen!“

Ich bin wirklich eher der Gruppe der Positiv-Poster auf Facebook zuzuordnen … aber wenn ich so richtig sauer bin, darf die Nation das wissen. Wie bescheuert muss man eigentlich sein. Wenn man kulinarisch halbwegs richtig verdrahtet ist, dann sind solche gedankenlose Einkäufe unanständig und zugleich unterlassene Hilfeleistung an Gaumen, Magen und Hirn. 

Wir lieben das Hausbrot von Wissing, die Baguettes von Stenneken (beide aus Rhede), die Dinkelkruste von Ullrich, die Brötchen von der Bäckerei Schröer nur um einige unserer BuV’s (Bäcker unseres Vertrauens) zu nennen.

Ich brauche solche Verträge mit mir selbst, um eine echte Verhaltensänderung in mein Hirn zu meißeln. Mit diesem Mindset bin ich auf dem Weg von Borken nach Bocholt bei Bäckerei Wissing und bei Fleischerei Grunden reingesprungen, um mich für ein abendliches Leberwurst-Tasting zu präparieren. Was für ein Genuss, warum geben wir uns das eigentlich nicht öfter? Warum in den Discounter eilen, wenn das Gute liegt so nahe?

 Für das von Kirsten mit der Kamera eingefangene Setting sind wir unabhängig voneinander auf die Pirsch gegangen. Kirsten bei Bäckerei Ullrich und Metzgerei Buchow in Bocholt und ich in Rhede, wie oben schon gesagt. Bei Grunden waren drei Ladies vor mir – allesamt um die 70 Jahre würde ich schätzen. „Ich hätte gerne eine Lage von dem Knochenschinken, eine Scheibe von der feinen Kalbsleberwurst und ein Töpfchen Fleischsalat“. So und so ähnlich lauteten die Order der Ladies. Aber bevor ich mich genussvoll-sabbernd gedanklich in der dortigen Auslage verrenne, etwas machte mich nachdenklich: Wir waren allesamt nicht unbedingt die Jüngsten. Wie steht es mit dem Nachwuchs. Wo ist der, wo kauft der ein? Innerhalb meines 15-minütigen Genusstrips beim Bäcker und Fleischer, habe ich kein Millennial dort erspähen können. Zufall? 

Mir schießen die Zeilen der Poetry-Slamerin Julia Engelmann, angelehnt an den Song „One Day“ durch den Kopf:

 „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein
und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“

Falls ihr das nicht kennt, bitte gönnt Euch diese rund 6 Minuten: 

www.youtube.com/watch?v=ti_iSp9zYHY

Wir haben uns entschlossen, zu den Menschen zu gehören, die sich von den letzten Zeilen dieses Textes inspirieren lassen: 

Also los, schreiben wir Geschichten,die wir später gern erzählen. 

Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein. 

Oh Baby, werden wir alt seinund an all die Geschichten denken,
die für immer unsere sind.

Sogenannte Influencer können sehr jung sein und deren Focus kann auf Mode liegen. Beides ist aber kein Dogma. Zugegeben ist es (noch) nicht sehr weit verbreitet, eine Bilderstrecke zu einer Leberwurststulle auf Instagram zu posten. Aber wir fangen einfach mal damit an!!!

Den Traumstullen haben wir uns mit unserer Freundin Sabrina (27 Jahre, gelernte Konditorei-Fachverkäuferin) gewidmet.  Ich war übrigens unlängst schmachtgetrieben wieder zu später Uhrzeit in einer Verkaufsstätte für Nahrungsergänzungsmittel. Mein Grundsatz „Versprochen ist Versprochen und wird nicht mehr gebrochen“ ließ guten Gewissens ein paar Bananen als Dinner in meinen Einkaufskorb wandern. Trotz globaler Erwärmung wird es wohl noch ein paar Jährchen dauern, bevor diese zu regionalen Erzeugnissen mutieren. Obwohl … ich bin mal gespannt, ob die KI (Künstliche Intelligenz) davor Halt macht – vor Whisky jedenfalls nicht. Es gibt den ersten Whisky auf dem Markt, der von einer Maschine erdacht und erzeugt wurde. Darauf erst einmal einen Dujardin (;-)

PS: Wenn ihr zum nächsten Stullenspektakel mit euren Freunden den passenden Song spielen wollt:

www.youtube.com/watch?v=A16VcQdTL80

In diesem Sinne,
wir sehen uns beim Bäcker!!!

Eure Kitchen-Friends