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Das Rotkehlchen

von | Nov 30, 2021 | LEBENSART

Es war wirklich eine schreckliche Zeit. Alles fühlte sich schrecklich und auch dunkel an, so als wenn eine große, schwarze Wolke über allem liegen würde, über Corona und den ganzen Schicksalen. Morgens stand man mit den Gedanken auf, und abends schlief man mit den gleichen Gedanken wieder ein. In den Kitas und Grundschulen, den Seniorenheimen und Krankenhäusern, herrschten strenge Hygienevorschriften in Verbindung mit Masken und Corona-Tests. Leni durfte auch nur zum Distanzunterricht. Lenis Mutti bemühte sich sehr, sie stets bei Laune zu halten. Wann immer es die Zeit zuließ, malten oder bastelten sie etwas. Heute wollten sie raus in den Garten, um Blätter zu sammeln, die sie dann in eine Gipsform drücken und bemalen wollten.

Der Herbst hatte schon die ersten Blätter abgeschüttelt und Leni hatte schon allerhand brauchbares Material gesammelt. Plötzlich ließ sich ein kleines Rotkehlchen auf einem kleinen Rosenstämmchen nieder. Leni sah ihm erst mal eine Weile zu, bevor sie ihre Mutter fragte, was das wohl für ein Vögelchen sei. „ Das sind Rotkehlchen“, meinte ihre Mutti. Und was die alles können. Wenn ich den Rasen mähe, kommt das Rotkehlchen immer angeflogen und guckt, ob es ein paar Würmchen ergattern kann. Oder wenn ich Unkraut zupfe. Dann kommt er sofort angeflogen und wartet, ob für ihn auch was dabei ist.“

Leni war total beeindruckt, als die Mutter ihr dann noch erzählte, dass das Rotkehlchen genau in diesem Rosenstamm gebrütet hatte. Die Küken waren aber schon flügge und hatten das Nest verlassen. Leni hatte beschlossen, dass sie sich ab jetzt um das Vögelchen kümmern wollte. Am nächsten Tag fuhren sie in den ansässigen Heimtiermarkt und kauften Wildvogelfutter ein. Zuhause angekommen, schüttete Leni direkt etwas von dem Futter in einen Futternapf und stellte eine Schale Wasser dazu. Es dauerte gar nicht lange, bis das Rotkehlchen zur Stippvisite kam. Lenis Vater kam auch gerade nach Hause. Leni erzählte ihm direkt von ihrem Plan, das Vögelchen zu versorgen. Lenis Vater sagte: „Du musst nur aufpassen, dass da keine Katzen kommen, um das Vögelchen zu fressen. Das wäre wirklich schade.“ Und dann fiel der Mutter wieder eine Geschichte ein, die sie mal gehört hatte. Und in der Geschichte ging es wohl um ein altes Mütterchen, das gestorben war. Weil sie sich so oft um die kleinen Rotkehlchen gekümmert hatte, war es ihr einziger Wunsch, irgendwann als ein Rotkehlchen wieder auf die Welt zurück zu kommen. Und als der Sohn irgendwann am Grab der Mutter stand und bitterlich weinte, kam das Vögelchen geflogen und setzte sich auf den Grabstein. 

„Aber aufpassen, dass keine Katzen kommen“, wiederholte Vater noch einmal augenzwinkernd, weil er wusste, dass Leni sich wohl kümmern würde. Jeden Morgen kurz bevor Leni selber zur Schule fuhr, fütterte sie das Vögelchen und versorgte es mit frischem Wasser. Und dann passierte es. Leni kam gerade von der Schule und wollte ihr Fahrrad in den Schuppen setzen, da kam das Rotkehlchen um die Ecke gesaust und knallte mit voller Wucht in die Scheibe des Wintergartens. Leni ließ das Rad fallen und stürzte nach vorne, nahm den Vogel in ihre kleine Hand und fing bitterlich an zu weinen. Lenis Mutter hatte das Weinen gehört und kam schnell dazu. Sie schaute, ob der Vogel irgendwelche Verletzungen hat, aber das Rotkehlchen war nicht mehr zu retten. Leni war untröstlich. Als sie sich etwas beruhigt hatte und aufgehört hatte zu weinen, wollten sie das Rotkehlchen gemeinsam beerdigen. Mutti hatte eine alte Pappschachtel gefunden, die sich gut dafür eignete. Sie legte sie mit Watte aus und Leni bettete das Vögelchen darin. Dann gingen sie feierlich zu dem Platz, wo Mutti kurz vorher etwas Erde ausgehoben hatte, legten den Karton ab und bedeckten ihn mit Erde. Leni legte noch ein paar Astern und Eriken ab, die sie gepflückt hatte. 

Als der Vater abends nach Hause kam erzählte Leni ihm, was passiert war. Sie gingen gemeinsam noch einmal zum Grab. Um Leni abzulenken, erzählte Vati ihr, dass sie am Wochenende zur Oma fahren wollten. Die steckte gerade im Umzug, weil sie in eine Einrichtung für betreutes Wohnen ziehen wollte. Und da konnte sie bestimmt noch Hilfe gebrauchen.

Zwei Tage später fuhren sie gemeinsam zu Omas neuer Wohnung. Alles war frisch gestrichen und neuer Fußboden war auch verlegt. Oma hatte eine neue Küche und ein neues Schlafzimmer bekommen. Alles sah sehr neu und ordentlich aus. Oma hatte Kaffee angesetzt und sagte: „Es gibt immer noch viel zu tun, aber ich freue mich schon auf das erste Weihnachtsfest in meinem neuen Zuhause.“ Dann erzählte Leni, dass sie jeden Tag zu dem kleinen Grab geht, und dass Vati ihr noch ein kleines Kreuz gebastelt hatte. Die Oma überlegte einen Moment und sagte dann: „Ich habe noch einige Kartons hier, die noch ausgepackt werden müssen, aber ich glaube, das alte Buch liegt noch hier. Und unsere Weihnachtskugeln müssen auch noch in einem Karton sein. Da müssen dann auch noch die kleinen Rotkehlchen sein, die ich selber damals von meinem Vater geschenkt bekommen habe.“ Leni wäre am liebsten sofort selber in den Keller gerannt, um nach den Sachen zu suchen, aber Oma versprach, die Augen offen zu halten und sich zu melden, wenn sie im Keller darüber stolpern sollte. Die nächsten Tage gab es kein anderes Thema. Jeden Tag fragte Leni, ob die Oma schon angerufen hätte. Und dann rief Oma tatsächlich an. Sie sagte, Leni und Mama sollten am nächsten Sonntag zum Kaffeetrinken kommen und dann würde sie die Geschichte vom Rotkehlchen vorlesen. Leni freute sich sehr.

Als sie dann am Sonntag zur Oma fuhren, hatte Mutter ein paar Blümchen mitgebracht zum Einzug. Die letzten Bilder und Fotos waren aufgehängt und Oma sah sehr glücklich aus. Sie hatte in der Küche den ersten Apfelkuchen gebacken, mit Sahne, und für Leni stand eine Tasse Kakao auf dem Tisch. Und nachdem alles verspeist war, legte Oma das große Buch vom Rotkehlchen auf den Tisch, zündete eine Kerze an und setzte ihre Lesebrille auf. Leni war ganz aufgeregt und wippte auf dem Stuhl hin und her. Und dann fing Oma an zu lesen. Es war eine sehr schöne Geschichte, es wurde gelacht und geweint, und am Ende hatten selbst Mutti und Oma einen Kloss im Hals, weil die Geschichte so feierlich endete. Dann legte Oma das schwere Buch zur Seite. „Und jetzt kommt das Beste“, sagte sie und holte den Karton aus dem Schlafzimmer. Leni war total aufgeregt, als Oma den Karton abstellte und sie die in Seidenpapier gewickelten Rotkehlchen entdeckte. Sie waren wunderschön. Jedes Vögelchen hatte eine kleine Klammer, mit der man es am Tannenbaum befestigen kann. Eines war dabei, das keinen Schwanz mehr hatte. „Wir hatten ja damals Hühner, und wenn zu Weihnachten ein Vogelschwänzchen beim abstauben verloren gegangen war, gab es ein Neues aus dem Stall“, strahlte Omi. Leni fand die putzigen Vögelchen sehr schön, mit den roten Brüstchen und den bunten Federn. Sie sahen alle anders aus, mal hellblau oder hellgrün, aber alle hatten eine wunderschöne rote Brust, und alle sahen aus wie echte Rotkehlchen. 

Oma sagte dann: „Die ersten Rotkehlchen habe ich damals von meinem Vater bekommen. Jedes Jahr zu Weihnachten bekam ich welche dazu. Und ich hab mir damals selber auch welche dazu gekauft. Und verschenkt habe ich sie auch. Sie wurden in einer kleinen Glasbläserei hergestellt und auf den Weihnachtsmärkten wurden sie oft angeboten. Man sagt, dass die Rotkehlchen Glück bringen, wenn man sie zu Weihnachten verschenkt. Und ich denke, es ist an der Zeit, dich als kleine Rotkehlchenhüterin zu bestellen und dir das große Rotkehlchenbuch zu überreichen“, sagte Oma und drückte Leni einen Kuss auf die Wange. Leni freute sich sehr und konnte es kaum abwarten dass es endlich Weihnachten wird. Und als Leni das erste Rotkehlchen in den Weihnachtsbaum setzen durfte, wusste sie, dass ganz bald Weihnachten ist.