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Das Silvesterproblem

von | Nov 29, 2021 | VITAL

Silvester! Knallende Sektkorken, bunte Konfettibomben, leuchtende Himmelsraketen – was die einen mit großer Freude erwarten, bereitet den anderen arge Furcht: Bello kläfft die ganze Nacht, Mieze verweigert ihr Futter, Dusty mag nicht mehr Gassi gehen und Felix versteckt sich tagelang im Kleiderschrank. All das sind Beispiele für geräuschängstliche Patienten, denen die üblichen Neujahrspraktiken größten Kummer bescheren. 

Die Ursachen für Geräuschprobleme sind vielfältig. Gerade auf dem Bereich Knallempfindlichkeit ist ein hoher Erbanteil nachgewiesen. Möchte man demnach einen Jagdhund führen, sollte man einen Welpen aus einer stabilen, geräuschunempfindlichen Verpaarung wählen. Auch die Vorbildfunktion durch Artgenossen insbesondere des Muttertieres ist nicht zu unterschätzen. Schon ab der 5. Lebenswoche werden sich die Welpen das ängstliche Verhalten der Hündin abschauen. Aus diesem Grunde ist die Zucht mit einem ängstlichen Tier besonders bedenklich anzusehen. Außerdem führen negative Erfahrungen in Verbindung mit angstauslösenden Geräuschen zu großem Unbehagen. Passiert es öfter, reicht irgendwann das geringste akustische Signal, um beim Tier Stress auszulösen. Ist der Grundstein erstmal gelegt, beginnt das betroffene Tier geradezu angstauslösende Geräusche zu sammeln. Unsere damalige Pudeldame Zita fürchtete sich als Junghund lediglich vor heftigstem Gewitter. Später hatte sie nicht nur vor dem Donnerhall Angst, sondern auch Wind und Regen ließen sie schon das Schlimmste erwarten. Erst im hohen Alter, wenn das Gehör unserer Tiere nicht mehr so fein ist, können wir eine automatische Besserung der Situation erwarten.

 

Stellt sich also die Frage: Was können wir jetzt für unsere Tiere tun? Prinzipiell sollte vorweg für eine stabile gesundheitliche Situation des Tieres gesorgt werden, denn zusätzlicher Stress wird die Vierbeiner noch ängstlicher machen. An dieser Stelle werden auch die Haltungsbedingungen überprüft. Ihr Tier braucht eine geistige und körperliche Auslastung, um sich gut zu fühlen. Denken Sie daran, dass Hunde Lauftiere sind und Samtpfoten gerne spielen. Natürlich müssen – falls vorhanden – andere Grunderkrankungen behandelt werden, um weitere Stressoren zu eliminieren und das Wohlbefinden zu fördern. Beispielsweise führen nicht nur beim Zweibeiner chronische Schmerzen zu Stress und schlechter Laune. Da braucht es dann nicht mehr viele weitere Außenreize, um eine Situation eskalieren zu lassen. Das ist bei unseren vierbeinigen Mitbewohnern nicht anders.

Auch das Besitzerverhalten hat Auswirkungen auf das Erleben in der Silvesternacht. Im Geschehen sollte gut ermessen werden, ob wir unseren Tieren mit einer umsorgenden Haltung wirklich helfen. Viele Tiere fühlen sich in ihrer Ängstlichkeit bestärkt, wenn ihr Besitzer sie durch beruhigende Worte und Gesten bestätigt. In solchen Fällen ist das konsequente Ignorieren des Tierverhaltens sinnvoller, um Bello und Co das Gefühl zu geben, dass diese Geräusche es nicht wert sind, überhaupt darauf zu reagieren.

Weiterhin muss der Einsatz von Geräusch­CDs diskutiert werden. Prophylaktisch in der Aufzucht eingesetzt führen sie zu einer höheren Geräuschakzeptanz der Welpen. Als Therapiemaßnahme taugen Sie oft wenig, da die reale Akustik nur bedingt nachempfunden werden kann. Wenn möglich, wird schon viele Wochen vor der lauten Jahreszeit mit einem auf ihr Tier abgestimmten Training begonnen, so dass mit diesen speziellen Methoden eine Gewöhnung einsetzen kann. Es lohnt sich, professionellen Beistand zu holen, um einen Trainingsplan zu entwickeln. Inzwischen gibt es ausgebildete Tierärztinnen und Tierärzte sowie Hundetrainer, die sich auf das Verhalten von Problemtieren spezialisiert haben.

Sie haben keine Zeit mehr, um ein spezielles Programm zu beginnen? Dann werden ihnen folgende Managementmaßnahmen am Silvesterabend helfen: Schließen sie zur Schallabschottung alle Fenster und lassen sie schon früh die Rollläden herunter. Machen sie bevorzugte Rückzugsorte zugänglich, auch wenn es der Kleiderschrank ist. Auch eine neutrale Geräuschkulisse mittlerer Lautstärke aus dem Radio oder vom Fernsehgerät kann dem Tier helfen. Zu Problemzeiten sind ausgedehnte Hunderunden zu vermeiden und natürlich werden geräuschängstliche Patienten zu Silvester nie unbeaufsichtigt zurückgelassen.

Nicht zuletzt will ich hier die Möglichkeit der medikamentösen Einstellung erwähnen. Hier stehen uns zum einen Präparate, die das Tier prinzipiell gelassener machen und schon einige Zeit vor den Feiertagen gegeben werden, und zum anderen starke Beruhigungsmittel für die Silvesternacht zur Verfügung. Zu diesem Thema sollten Sie unbedingt eine Tierarztpraxis konsultieren.

Ihnen wünsche ich bis zu meinem nächsten Beitrag „Au Backe, auch Tiere haben Zahnschmerzen!“ eine ruhige und besinnliche Weihnachtszeit und einen guten Start in das neue Jahr 2022.

Ihre Dr. Simone Möllenbeck