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Die artgerechte Haltung der Langohren

von | Apr 30, 2021 | VITAL

Kaninchen lieben frische Luft in der Nase, die Sonne im Fell, ein schattiges Plätzchen zum Ausruhen, einen Boden zum Buddeln und immer frisches Heu zwischen den Zähnen. Nicht zuletzt brauchen die sensiblen Fellnasen sehr engagierte Zweibeiner, die sich mehrmals täglich um das Wohl Ihrer Langohren sorgen. Denn Kaninchen sind sehr empfindliche Tiere, die als Flucht- und Beutetiere jegliche Krankheitssymptome lange kaschieren. Darum gehört zu der artgerechten Haltung auch ein regelmäßiger Gesundheitscheck daheim. Bei Krankheitsanzeichen und sowieso halbjährlich sollten die Hoppler auch in einer Tierarztpraxis vorgestellt werden.

Kaninchen fühlen sich nur wohl, wenn ihre Bedürfnisse befriedigt werden. Wildlebende Artgenossen leben in großen Gruppen auf Wiesen mit Büschen und Bäumen. Ein unterirdisches Tunnelsystem bietet den nachtaktiven Flucht- und Beutetieren Schutz vor Wettereinflüssen und Feinden. Sie ernähren sich karg von Gras, Zweigen, Blättern sowie Wurzeln. Außerdem kann ihnen freilebend nie langweilig werden, da die Lebensbedingungen dem Wandel der Natur unterliegen. Wenn wir unsere Hauskaninchen also artgerecht halten wollen, dann müssen wir beachten, dass das Sozial-, Bewegungs- und Ernährungsverhalten sich trotz der Domestikation nicht verändert hat. Die einsame Indoor-Haltung in einem Plastikschalenkäfig oder Outdoor in einem Stall ohne Auslauf und einem Schälchen Fertigfutter ist folglich nicht artgerecht.

Hauskaninchen müssen mit mindestens einem Partnertier zusammenleben, weil einzeln gehaltene Tiere in Ermangelung an Sozialkontakten und gemeinsamer Bewegung psychisch und physisch verkümmern. Weder Menschen noch andere Pflanzenfresser wie Meerschweinchen können dem Kaninchen einen echten Artgenossen ersetzen. Am besten verstehen sich gegengeschlechtliche Tiere. Zur Verhinderung von unerwünschtem Nachwuchs informieren Sie sich bitte in der Tierarztpraxis zum Thema Kastration. Bei der Vergesellschaftung von Einzeltieren setzen Sie die Tiere in einen neutralen Raum mit vielen Versteckmöglichkeiten. Anfängliche Unstimmigkeiten zwischen den Partnertieren gehören in der Regel zum arttypischen Verhalten. Die Rangordnung zwischen den Tieren muss zunächst geklärt werden. Beobachten Sie die Tiere in dieser Situation jedoch genau.

 Kaninchen sind von Natur aus begeisterte Hoppler, Springer und Buddler. Um gesund zu bleiben müssen sie wie wir Menschen immer die Möglichkeit zur freien Bewegung haben. Die Haltung in einem engen Stall kann auch nicht durch einen befristeten Freilauf wett gemacht werden. Für zwei Tiere wird ein Platzbedarf von etwa 6 m2 angesetzt. Für jedes weitere Tier sollten noch 2-3 m2 hinzukommen. Haben Ihre Tiere die Möglichkeit einen Freilauf an der frischen Luft zu nutzen? Dann sichern Sie das Gehege in alle Richtungen mit Volierendraht, um einen Ausbruch oder das Eindringen von Fressfeinden zu verhindern. Nicht zuletzt sei darauf hingewiesen, dass die Tiere stets Beschäftigungsmöglichkeiten wie Tunnel, Verstecke, Futterspieße oder auch Intelligenzspielzeuge benötigen. Strukturieren Sie das Gehege ruhig mal um, das motiviert die Hoppler zu neuer Bewegungsfreude.

Wussten Sie, dass auch Kaninchen durch Überernährung und Bewegungsmangel zu Wohlstandskrankheiten neigen? Die im Fachhandel angebotenen Fertigfuttermittel, insbesondere Bundfutter und Leckereien enthalten oftmals viel zu viel leichtverdauliche Kohlehydrate und zu viel Energie. Fettsucht, Harnsteine, Verdauungs- und Zahnprobleme entstehen aus Fütterungsfehlern! Eine ausgewogene und naturnahe Kaninchenernährung besteht stets aus frischem Heu und zweimal täglich einem Angebot von insgesamt 100 g Frischfutter je kg Körpergewicht. Das Frischfutter soll zu 70 % aus strukturiertem Grünfutter wie Wiesengräser, Kräuter, Möhrengrün und Kohlrabiblätter, zu 20 % aus Gemüse wie Möhren, Fenchel, Sellerie und Salat und nur zu 10 % aus Obst bestehen. Die Einführung neuer Frischfuttersorten muss langsam erfolgen, um Verdauungsprobleme zu vermeiden. Wenn Sie jetzt noch ein paar Zweige von Obstbäumen oder Haselnusssträuchern anbieten, dann ist das Menü perfekt. Fertigfutter und andere Leckereien braucht Ihr Langohr eigentlich nicht und sollte daher mit maximal 1 EL Fertigfutter pro kg Körpergewicht sparsam eingesetzt werden. Natürlich sollte zusätzlich immer frisches Wasser bereitstehen. Vergessen Sie bitte nicht, verwelktes Futter je nach Wetterlage aus dem Käfig zu entfernen, um Verdauungsprobleme zu vermeiden. 

Zum täglichen Check gehört die Beobachtung der Kaninchen während der morgendlichen und abendlichen Fütterung. Kommen die Langohren motiviert zur Futterstelle oder sondern sie sich von der Gruppe ab? Ein Langohr, was gar nicht frisst, ist immer ein Notfall und muss schleunigst in einer Tierarztpraxis vorgestellt werden. Zu diesem Zweck sollte stets eine Transportbox, der Impfpass und die entsprechende Adresse bereitliegen. Sinnvollerweise können Sie im Falle eines Notfalls schon eine Kot- und (wenn möglich) eine Urinprobe mit in die Praxis bringen. Besonders wertvoll ist eine Gewichtskurve, die Sie durch wöchentliches Wiegen ermittelt haben. In der Sprechstunde wird Ihr Tier dann von der Nase bis zur Blume untersucht, um schnell helfen zu können. 

In diesem Sinne bleiben Sie bitte gesund und genießen zusammen mit Ihren Vierbeinern viele schöne Stunden an der frischen Luft. Ich verbleibe mit den besten Grüßen bis zu meinem nächsten Artikel „Jetzt wird es heiß!“

Ihre Dr. Simone Möllenbeck