Eine Dorade namens Wednesday

Apr 30, 2020 | TITELSTORY

Revival von „Butter bei die Fische“ 

Exakt drei Jahre ist es her, dass wir an dieser Stelle eine Lachsforelle präsentiert haben, die wir im Ofen auf Backpapier mit Gemüse
geschmort haben. Insbesondere an Menschen adressiert, die sagen „Fisch kann ich nicht – ist mir zu kompliziert.“ 

Damals war die Welt noch in Ordnung. Kein Covid-19, welches unser Leben beeinträchtigt. Keine Beschränkung der redaktionellen Freiheit des PAN-Kitchen-Story-Schreibers. Während ich den Job an Herd und Text ableiste, beschränkt sich die Herausgeberin auf’s Fotografieren und Reglementieren – gemeinsam mit ihrer Komplizin Johanna (Mediengestalterin Digital und Print, in Lauerstellung). 

Dialog zwischen der Herausgeberin und mir:

Kirsten: „Johanna hat schon mal die Foto-Impressionen grafisch aufgebaut. Orientiere dich bitte an der Zeilenanzahl im Blindtext. Der Titel ist übrigens gesetzt – eine Dorade namens Wednesday.” 

Ich: „Wieso Wednesday?” 

Kirsten: „Weil wir die Doraden am Mittwoch gebruzzelt und gegessen haben und ich das witzig finde.”

Ich: „Mittwochs ist aber kein Markt. Du hast die Teile doch am Dienstag bei Jan gekauft. Folglich könnten sie auch Tuesday heißen.”

Kirsten: „Klingt uncool, wir nehmen Wednesday. Wir haben auch schon mal den Titel gestaltet. Welchen findest du schöner, den Blauen oder den Gelben?” 

Ich: „Den Blauen.”

Kirsten: „Okay, wir nehmen den Gelben. Mir ist nach Frühling. Ich gehe jetzt joggen.” 

… sprach sie und entschwand. Ich weiß nicht, wie lange uns Corona noch gängelt und wie sich das langfristig auf die Psyche auswirkt … aber wenn es zwischen uns irgendwann mal richtig komisch wird, könnte es sein, dass ich mir einen Platz im Herrenhaus suchen müsste. Die Emanzipation in unserem Nest scheint derzeit ein wenig aus der Balance zu sein. 

Ich kopiere den Blindtext in mein Schreibprogramm, um ein Gefühl für die Länge der Geschichte zu bekommen: 1.805 Wörter / 11.183 Zeichen. „Gehe an deinen Lieblingsschreibtisch. Gehe nicht auf die Terrasse. Ziehe vorher eine Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank“. – mit diesen monopoly-geschwängerten Gedanken mache ich mich an die Story. 

Wenn ihr das Bild oben rechts seht, mit der Pfanne auf dem Herd … am oberen Bildrand sind noch zwei Kupferpötte zu erkennen. Das sind echt amtliche Teile französischer Herkunft, die im Handelshof in Bocholt für mich aufgebahrt waren. Töpfe, Pfannen und Messer haben auf mich die gleiche Anziehungskraft wie Schuhe und Handtaschen für die meisten Ladies. Und so waren es insgesamt sechs Objekte der kupfernen Begierde, die den Weg in den Einkaufswagen fanden. Ich hätte mich im Kassenbereich auf den Boden geworfen, mit den Fäusten auf die Fliesen gehämmert, begleitet von „ich will aber … diese Pötte“… wenn sich irgendwo Widerstand gegen mein Einkaufserlebnis geregt hätte. 

Mit Kirstens Worten: „Du hast ne echte Preis-Meise“ hielten die Pötte Montagabend Einzug in unser Nest. Am Dienstag stand das Einbrutscheln der Neuankömmlinge auf dem Programm. „Soll ich etwas vom Markt mitbringen?“ war die Frage der Herausgeberin. „Jepp, buy local! Bitte zwei amtliche Doraden und liebe Grüße an Jan.“ In diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass noch eine kleine Road-Show mit unserem Lieblings-Fisch-Dealer ansteht. Wir werden Jan mit der Kamera beim Einkauf auf dem Großmarkt begleiten, nachher gemeinsam eine Bouillabaisse kochen und mit einem knackigen Weißwein auf den hinter uns gelassenen Virus anstoßen. 

Kirsten kehrte mit zwei Prachtexemplaren der Goldbrasse zurück. Wieso heißen Doraden eigentlich Gold- und nicht Silberbrassen? – schießt es mir beim Einlagern der Fische in den Kühlschrank durch den Kopf. Egal, ich werde sie einfach goldbraun in der neuen, ausladenden Kupferpfanne braten. Ne Menge Edelmetall in dieser Story oder? Am Mittwoch war es dann soweit, die Sonne flutete unser Private-Kitchen-Deck und ich die Kupferpfanne mit reichlich Butter. Ein Pfund schmolz mit frischem Knoblauch in der Pfanne, bevor die beiden Doraden, ihr Bad darin antraten. Nach dem Anbraten habe ich die Gasflamme auf die kleinste Stufe reguliert. Meine Strategie war es, die Fische immer wieder mit der Butter zu umspülen und schonend zu braten. Nicht, dass

die silbrige Haut in der neuen Pfanne festbackt. „Butter bei die Fische“ – „Küchenwein in den Koch“. Die Teile, die ich vorher mit Meersalz und weißem, gemörsten Pfeffer gesegnet hatte, folgten den schwenkenden Bewegungen meines rechten Handgelenks. In der Linken
das Glas mit dem Weissburgunder kreisend. Im Allgemeinen leide ich unter einer stark ausgeprägten Minderbegabung meines Rhythmusgefühls, aber hier gebe ich eine souveräne Figur ab. Zwischendurch muss ich mich doch vom Kelche trennen, um die Fische immer wieder mit der Butter zu übergießen.  Auf der rechten Seite des Herdes sieden die Kartoffeln im Meerwasser (Salz & Meersalz) auf Püree-Niveau. Das wird ein Fest. Ich bin einfach ein Kartoffelkind. Ich haben schon den Geschmack auf der Zunge, wie das mediterran veredelte Gericht mit der knoblauch durchtränkten Butter-Dorade harmoniert.

„Denkst du bitte daran, dass ich derzeit keine Kohlenhydrate esse!“ … eine weitere Vorgabe der tellereindeckenden Kirsten dringt an mein Ohr. Mit dem Wellenschneider, eine ebenfalls kongeniale Anschaffung,  bringe ich die Zucchini in eine unlangweilige Form, um sie dann in Olivenöl mit Rosmarin zu braten. Ein paar Mini-Rispentomaten finden in einer weiteren Pfanne Platz. Die niedlichen Dinger gibt es auch als kleine Honigtomaten auf den Markt zu kaufen. Zuckersüß, extrem lecker, aber auch nicht gerade günstig. Die zwangsverordnete Homing-Cocooning-Zeit könnte das endgültige Aus für die „Geiz ist Geil – Mentalität“ bedeuten. Wenn wir schon zu Hause bleiben müssen, dann können wir es uns auch schmackhaft-nett machen, schien Kirstens Gedanke zu sein. Wenn man jetzt eine ganze Bande von schmachtenden Mäulern um den Tisch versammelt hat, kann man aber auch günstiger einen ähnlichen Effekt erzielen. Dann gibt man einfach ein wenig Kokusblütenzucker an die, in der Pfanne brutzelnden, normalen Mini-Tomaten. 

Kurz vor dem Finale von Fisch und Gemüse widme ich mich dem mediterranem Kartoffelstampf. Wasser abgießen, eine Tasse Milch, eine halbe Tasse Olivenöl und einen anständigen Schuss weißen Aceto-Balsamico dazugeben und stampfen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken, eine Handvoll Kapern und kleingeschnitten Frühlingslauch dran und fertig ist die Laube. 

Ich wuchte die Pfannen auf den Tisch unseres Decks. Die Sonne, der Duft des blühenden Rosmarins, die bereitstehende Nahrung … ein weiterer Lunch in der Normalität des Ausnahmezustandes, den wir uns extrem schön gestaltet haben.

Vor dem Genießen geht’s an das Tranchieren. Beide Doraden verlieren Haupt- und Schwanzteil. Die krosse Haut ziehe ich ab … Fellnase Paula ahnt schon, dass das ihr Anteil an diesem Festmahl sein könnte. Das weiße Filetfleisch löse ich von der Gräte und gebe es zurück in den warmen Butter-Knoblauch-Sud. Dann wird angerichtet. Ein Klecks Kartoffelpü in die Mitte, eine komplette Tomaten-rispe rechts arrangiert, Zucchini gegenüber, die Tranchen vom Fisch angelegt und das Ganze mit der Pfannenbutter umzogen. Bon Appetit. 

Vergesst bitte den Geröll-Teller nicht – der Teller wo noch lästige Gräten abgelegt werden können. Danke, Anja für diese Wortschöpfung. Nachdem wir fertig geschlemmt haben, arrangiere ich den Napf für Fellnase Paula. Etwas Kartoffelpü, darauf die Haut von den Doraden und etwas Butter. Der Napf wird gefühlte 23ig Mal über die Terrasse getrieben, bis auch das letzte Spurenelement ihrer Restenahrung weggeschleckt wurde.

Beim Anschluss-Cappuccino resümieren wir, dass der Invest in Kupfer ein guter war. Beim letzten Schluck vom begleitenden Wein beschließen wir eine weitere Aufforstung unserer Küchenutensilien. Wir ersinnen ein Le-Crueset-Konzept. Eine Weiterführung von buy local. Wir werden Petra Hungerkamp um ein paar kirschrote Schmortöpfe aus dieser Serie entlasten.