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Erste Hilfe im Kaninchenstall

Jan 26, 2021 | VITAL

Kaninchen genießen in der Heimtierhaltung zunehmende Beliebtheit. Neue Statistiken zählen etwa 3 Millionen Tiere in deutschen Haushalten. Durch verbesserte Haltungsbedingungen und eine modernere medizinische Versorgung können die Langohren sogar 10 – 12 Jahre alt werden. Dennoch handelt es sich um überaus empfindliche Heimtiere, die in Krankheitsphasen schnell in lebensbedrohliche Zustände kommen. Da Kaninchen zu den Flucht- und Beutetieren zählen versuchen sie aber, ihre Symptome möglichst lang zu verbergen. Ein genaues Hinschauen und ein regelmäßiger Gesundheitscheck daheim sind erforderlich, um Erkrankungen möglichst frühzeitig zu erkennen. Wie Sie Krankheitsanzeichen bei Ihrem Hoppel diagnostizieren und welche Erste-Hilfe-Maßnahmen Sie schon daheim anwenden können, das erfahren Sie beim Weiterlesen.

Prinzipiell müssen Kaninchen zweimal täglich mit Frischfutter versorgt werden. Zur Fütterungszeit lassen sich die oft scheuen Tiere am besten beobachten. Kommen die Langohren aufgeweckt zum Futterplatz gehoppelt oder bleibt eines der Tiere zurück und verkriecht sich? Tiere, die sich von der Gruppe lösen, sollten sofort einem Gesundheitscheck unterzogen werden. Hierzu gehören auch das regelmäßige Wiegen und die Dokumentation des Körpergewichts. Vorsichtig lässt sich der Patient aufheben, genau anschauen und abtasten. Wie sieht das Fell aus? Gibt es kahle Stellen oder Krusten? Kleinere Verletzungen können gleich gesäubert, desinfiziert und dann beobachtet werden. Größere Wunden erfordern das Knowhow einer Tierärztin oder eines Tierarztes.  Begutachten Sie auch die Körperöffnungen des Patienten. Ist der Po kot- oder urinverschmutzt? Gerade im Sommer setzen Fliegen gerne ihre Eier an Wunden oder nässende Haut. Hier entsteht dann der gefürchtete Madenbefall, der unbehandelt schnell tödlich endet. In so einem Fall müssen die Maden schnell abgesammelt und das Tier notfallmäßig in der Sprechstunde vorgestellt werden.

Vielleicht gelingt es Ihnen sogar zuhause die Körpertemperatur zu messen. Diese sollte zwischen 38 und 39,5 °C liegen. Eine niedrigere Temperatur kann auf ein Schockgeschehen hinweisen und dem Patienten muss mit einem Wärmekissen oder einer Rotlichtlampe vorsichtig Wärmezugeführt werden. Zu hohe Temperaturen entstehen im Falle einer fieberhaften Infektion oder eines Hitzschlags. Ein kühlerer Ort kann hier Linderung verschaffen. Allerdings sind Über- als auch Untertemperatur Krankheitsanzeichen, deren Ursache in einer Tierarztpraxis eingeschätzt werden müssen. Da es Ihnen aufgrund der Empfindlichkeit Ihrer Langohren täglich passieren kann, die tierärztliche Sprechstunde aufsuchen zu müssen, sollten die Transportbox, der Impfpass, die Gewichtskurve und die Adresse einer fachkundigen Praxis oder Klinik stets griffbereit liegen. Wie sieht der Kot aus? Das ist eine beliebte Frage in der Heimtiersprechstunde. Sichern sie schon mal zu Hause den Kot des erkrankten Tieres und bewahren die Probe in einem kleinen Gefäß auf. Gelingt es Ihnen auch, von Ihrem Schützling eine Urinprobe in einer Spritze aufzunehmen? Hierzu setzen Sie das Tier in eine saubere Plastikschale und versorgen es mit Wasser und Grünfutter. Setzt das Tier Harn in der Schale ab, kann gleich eine Probe der Hinterlassenschaft in einer Spritze aufgenommen werden. Übrigens geben Urinuntersuchungen wertvolle Hinweise auf Stoffwechselprobleme, Nierenerkrankungen oder Blasenentzündungen.

Wie schaut es mit dem Fressverhalten aus? Will Ihr Tier fressen und kann kein Futter aufnehmen oder zeigt es gar kein Interesse am Futter? Auch eine gestörte Futteraufnahme ist ein absoluter Notfall in der Kaninchenhaltung. Da Kaninchen einen Stopfmagen haben, kommt bei mangelnder Futteraufnahme der Weitertransport des Nahrungsbreis zum Erliegen. Fehlgärungen, Aufgasungen und folglich lebensbedrohliche Zustände können aus der Inappetenz entstehen. Aus diesem Grund wissen erfahrene Kaninchenhalter, dass im Falle einer gestörten Futteraufnahme Kaninchen schnell mit Brei versorgt werden müssen. Zu diesem Zweck gibt es entsprechende Pulver zum Anrühren. Notfalls können auch Pellets des Fertigfutters zerstoßen und schon daheim mit einer Spritze eingegeben werden. Nicht zuletzt sind Patienten, die zu Gasbildung im Magen-Darm-Trakt neigen, mit Präparaten zur Entgasung zu versorgen.

 

Besprechen Sie das medizinische Vorgehen gerne in der tierärztlichen Sprechstunde. Ich bin oft überrascht, wie fachkompetent die Kaninchenbesitzer in meiner Sprechstunde sind und berate mich gerne über medizinische Erste-Hilfe-Maßnahmen mit ihnen. Inzwischen gibt es einige wertvolle Präparate, die Sie neben Waage,

Thermometer, Pipetten, Spritzen und einem milden Desinfektionsmittel in der Hausapotheke für Ihre Kaninchenfamilie
bevorraten können. Nicht zuletzt brauchen diese sensiblen Wesen neben der
guten medizinischen Versorgung die Sonne im Fell, Wind zwischen den Ohren, einen
Boden zum Buddeln, immer frisches Heu zwischen den Zähnen und neben einem Artgenossen mindestens einen fürsorglichen Zweibeiner, der sich stets um das Wohl der empfindlichen Fellnasen sorgt.

Im Sinne aller Langohren, die auch die Möglichkeit des Freigangs haben, freue ich mich auf den herannahenden Frühling und locke mit meinem nächsten Thema in der Märzausgabe „Autsch! – Auch Tiere haben Schmerzen.“

Ihre Dr. Simone Möllenbeck