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Heißes für die Seele

von | Jan 3, 2022 | KITCHEN

Mehrtopf vs. Eintopf 

Fotos:Kirsten Buß Text: Roland Buß

Donnerstag, 02. Dezember 2021, 10:20 Uhr

Gasthausplatz 3 in Bocholt 

Ich sitze im Huckleberry’s, einem der drei Läden, mit denen die Gastronomen Sven Liebrand & Leon Tenhumberg das Bocholter Stadtbild nicht nur kulinarisch bereichern.

Vor mir dampft ein Cappuccino in einer formschön-kugeligen Steingut-Tasse. Das dazu gereichte Plätzchen habe ich an Fellnase Paula abgetreten, die zu meinen Füßen schlummert. Eine Belohnung dafür, dass sie uns auf unseren Gastro-Expeditionen so artig begleitet.  Ich sollte uns noch ein paar von diesen tollen Tassen gönnen – vier Stück habe ich denen bislang abgekauft. Schön, dass man hier quasi alles erwerben kann, was man sieht. 

Vor mir ausgebreitet ein paar bereits niedergeschriebene Morgenseiten – mein tägliches, analoges Schreibritual. Ich krame nach einem DIN A3-Bogen aus meiner Kladde – ein untrügerisches Zeichen, dass ich Lust darauf habe, ein neues Gericht zu kreieren.  Was könnte die richtige Kitchen-Story für den Jahresauftakt-PAN 2022 sein? Den Silvester- / Neujahrs-Kater ahnend …. schmuddliges Januar-Wetter vor Augen … könnte ein deftig-herzhaftes Süppchen Magen und Seele erwärmen. 

Irgendwie kann ich gerade nicht an Kürbis vorbei denken. Auf dem Hinweg hatte ich aus dem Augenwinkel einen Hokkaido-Kürbis wahrgenommen. Kürbis wird im Januar schwer zu bekommen sein, dann lässt man ihn halt weg …. und setzt gänzlich auf eine Kartoffelsuppe als Basis. 

In welche Richtung soll es denn gehen? Als Eintopf? …. wie unlängst ein Sauerkrauteintopf, als mein Freund Norbert zu Gast war? Wo der Gesamtgeschmack im Fokus steht. Oder als Mehrtopf, wo verschiedene Komponenten separat

zubereitet werden und erst kurz vor dem Finale ihre bissfeste Vermählung erfahren … und jede Zutat ihren eigenen Charakter behält? 

Hatte ich nicht vor einiger Zeit schon mal einen Artikel zum Thema One-Pot (Eintopf) geschrieben? Ich werfe einen Blick in mein iPad, dem Ort, wo alle
Notizen und Food-Skizzen nachher digital eingefangen und abgerufen werden. Ich stelle fest, dass es eine Map aus Dezember 2020 gibt, für den Januar PAN 2021 – aber lediglich als Gedankenskizze. Damals war es eine Folge von „Martina & Moritz“ im WDR, die mich inspirierte. Da wurde der klassische Eintopf international interpretiert: 

als italienische Variante, mit Pasta und Salsiccia 

als thailändische Variante, in Form eines Kokos-Currys mit Kalb und Kartoffeln 

als vietnamesische Variante, quasi ein Suppentopf mit Rind und Reisnudeln 

als spanische Variante, mit Huhn nach Paella-Art 

Dazu gesellte sich eine roländische Variante mit Kraut, Kartoffeln, Champignons, Tzaziki, Lauch, Wurstbrät, Hähnchenbrust und Käse. 

Januar scheint Topf-Time zu sein, schießt es durch meine Gedanken – zumindest für mein Unterbewusstsein. Aber wieso hatten wir dazu keine Story
gebracht. Ein Blick in die diesbezügliche digitale PAN-Ausgabe versprach Aufklärung:  
archiv.pan-bocholt.de/2021/PAN01-2021/

 

Wir befanden uns im Lockdown. Der Großteil der PAN-Auslegestellen war geschlossen. Wir entschieden uns, den PAN ausschließlich digital zu verlegen. Angesichts der reduzierten Ausgeh- / Einkehrmöglichkeiten haben wir statt der One-Pot-Story ein Potpourri der 2020er Kitchen-Stories serviert mit dem Titel „Die kulinarische Inspiration“ – mit komfortablen Verlinkungen auf die dahinter liegenden Geschichten. Story-Mehrzahl statt -Einzahl in dieser Zeit der Tristesse, so unser Gedanke. 

Zurück zum 02.12.2021, zurück ins Huckelberry´s … die alten Eintopf-Gedanken auffrischen oder eine neue Mehrtopf-Story zwischen meinen beiden Ohren entstehen lassen? – eine Frage, die durch den erspähten Kürbis eigentlich überflüssig war. Zumal ich es immer spannender finde, mit mehreren Töpfen und Pfannen auf dem Herd zu wirbeln, als einen einzigen Topf zu füttern. Wobei es dazu auch Ausnahmen gibt … wie ein Coq au vin zum Beispiel. 

Okay, der Kürbis war gesetzt … die Kartoffeln auch. Ich skizzierte die Zutaten für eine Gemüsebrühe auf’s DIN A3-Papier, sprich Sellerie, Möhren und Lauch. 

Apropos Lauch … wir lieben Lauch … und das von Jahr zu Jahr mehr. Den brate ich separat mit frischem roten (entkernten) Chili, Kokosblütenzucker, Salz und Pfeffer in Rapsöl bissfest. Das wird ein Bestandteil einer eigenen Einlage. 

Die Kürbis- / Kartoffelbasis, die ich von der Konsistenz zwischen einer Suppe und einem Püree vorgedacht habe, wird ein warmes Orange haben. Nicht schädlich, wenn eine weitere leuchtend-grüne Komponente dazu kommt. Wir wäre es mit frischem, jungen Spinat, der mit frischem Knoblauch und geriebener Muskatnuss nur leicht in Butter geschwenkt wird? 

Pilze … klar müssen Pilze her …. frische Champignons und was mir sonst noch so vor die Füße fallen mag …. Shiitake, Kräuterseitlinge, whatever. 

Und Gehacktes … natürlich vom Rind, natürlich von einem Metzger unseres Vertrauens. In diesem Fall hat Fleischerei Buchow heute einen klaren Standortvorteil. Mein Heimweg durch die Osterstraße führt mich direkt daran vorbei. Den Rest besorge ich auf dem Markt und beim Türken. 

Das Gehacktes brate ich in einem Gemisch aus Butter und Rapsöl scharf an. Abgelöscht wird mit einem kräftigen Schuss Ahornsirup, dem ich eine Prise echtes Goa-Curry verpasse. Aus dem dann aufsteigenden Duft sollte man ein Parfüm machen…. 

Ich verliere mich … wo war ich? Ach ja …. Salz und Pfeffer zum Gehacktes und dann zwei Hände voll klein geschnittene Zwiebeln. 

Als mögliche Toppings zum Finale notiere ich: Ziegen-Frischkäse, Röstzwiebeln, Kürbiskernöl, geröstete Pinienkerne, Crème Fraîche, Rote-Bete-Sprossen … 

Das Ganze wird quasi als „Bausatz“ am / um den Herd bereit gestellt und ein jeder bedient sich nach seinem Geschmack. Das hat den charmanten Vorteil, dass die Freunde des fleischlosen Genusses einfach das Rinderhack weglassen können. 

Ich vergass ein paar Worte zur Zubereitung der Kürbis-Kartoffel-Basis: Der Hokkaido-Kürbis gehört geviertelt und vom Innenleben befreit. Den könnt ihr mit Schale in kleine Würfel (ca. 2-3cm) schneiden – genauso, wie die geschälten mehlig-kochenden Kartoffeln. Die Würfel werden in Rapsöl leicht angebraten und mit der angesetzten Brühe aus Lauch, Karotten und Sellerie aufgegossen. Nach ca. 25 Minuten schöpft ihr einen Teil der Kürbis-Kartoffel-Würfel aus dem Topf und stellt sie beiseite. Nun püriert ihr den Inhalt des Topfes – bis eine für euch passende Konsistenz entsteht. Wenn sie zu dick ist, einfach etwas Brühe nachgießen. Wenn sie zu dünn ist, etwas von den Kürbis-Kartoffel-Würfeln untermixen. 

Dann geht es ans Anrichten. Die einzelnen Schritte könnt ihr den Impressionen entnehmen. Ein paar Kürbis-Kartoffelwürfel auf den Boden eines tiefen Tellers setzen. Etwas von dem Spinat oben drauf … dann das „Suppen-Püree“ angießen. Den geschmorten Lauch und die Pilze rundherum drapieren … das Hack auf den Spinat setzen und dann die Toppings – je nach Gusto. 

Mit diesem Gericht, was am Mittag des 02.12.2021 seine Premiere in unserer Küche erfuhr, bin ich von meiner Lady küchen-technisch upgegradet worden – von zwei auf drei Sternchen. (;-)))) 

Das Tolle ist, dass wir die einzelnen Komponenten, von denen ich mal wieder reichlich gekocht hatte, im Kühli verstaut haben …. mit einem grandiosen Revival am nächsten Tag. Das wäre bei einem Eintopf lange nicht so appetitlich gewesen. Ich mutiere zum Mehrtopf-Freak. (;-)))

Eine Woche später haben wir mit diesem Gericht, mit dem „Bausatz“ rund um unseren Herd liebe Gäste in Verzückung versetzt. Ein einfaches Gericht und trotzdem spektakulär.

Wir wünschen euch viel Spaß beim Nachbrutscheln … auch ohne Kürbis und alles erdenklich Gute für das Jahr 2022 – auch am Herd. 

Euer Kitchen-Story-Team 
Roland & Kirsten Buß 

Die Stufen des Anrichtens