Marco Launert

Jul 28, 2020 | ALLGEMEIN, Menschen, PORTRAITS

Jede Krise ist eine Chance –
So erlebe ich die Coronakrise

Als im März 2020 mit Ausbruch der Corona-Pandemie das Musik- und Event-Business zusammenbrach, sämtliche Gastronomiebetriebe schließen mussten und man im totalen Lockdown am besten zu Hause blieb, war ich zu 100% betroffen. 

Ich bin Live- und Studiomusiker, Inhaber der Rockschule mit einer Vielzahl von Musikprojekten, veranstalte Konzerte, Events und Partys und betreibe die Kulturstätte ‘KuBa – Kulturbahnhof Niederrhein’ in Hamminkeln. 

Der KuBa musste auf unbestimmte Zeit geschlossen bleiben, Veranstaltungen & Events wurden gecancelt oder verschoben, Großprojekte regional und überregional komplett gestrichen. Von jetzt auf gleich brachen mir Umsätze im hohen 5-stelligen Bereich weg.

Da ich kein Typ bin, der den Kopf in den Sand steckt, sondern stets positiv nach vorne schaue – zugegebenermaßen in dieser Situation schwieriger als sonst – sammelte ich meine Sinne und entwickelte einen Schlachtplan. Da reale Treffen zur Durchführung von Musikprojekten nicht möglich waren, sattelte ich sehr früh auf digitale Angebote um und fand Förderinstitutionen, die diesen einzig möglichen Weg unterstützend begleiteten. 

So führten wir mit der Rockschule (www.rockschule.de) als erste musikpädagogische Einrichtung digitale Songwriting-Workshops durch, bei denen Kids & Jugendliche auch ohne Vorkenntnisse oder Instrumenten-Skills gemeinsam mit unseren Dozenten über eine Meeting-Software Texte und Musik schrieben. Ich freute mich sehr über die Akzeptanz der neuen Wege, insbesondere weil meine Dozenten, die Kids und auch die Fördereinrichtungen das Konzept begrüßten. Es folgten weitere digitale Angebote wie Online-Gitarrenkurse, die von einer Stiftung gefördert wurden, sowie ein ‘Workshoptag Tonstudio’ und eine Serie von Songwriting-Workshops, die von immer mehr Kids & Jugendlichen frequentiert wurden. 

Die Tatsache, dass meine Kulturstätte mit Gastronomie geschlossen bleiben musste, machte mir selbstverständlich zu schaffen. Die zügig ausgezahlte Corona-Soforthilfe der Regierung sowie die aus freien Stücken entgegengebrachte Unterstützung meines Vermieters sorgte jedoch für Sorgenfreiheit. Aktuell ist die Wiedereröffnung für September geplant.

Ein Nebeneffekt des Lockdowns und der Coronakrise war und ist für mich enorm wertvoll :

Der Faktor Zeit !! 

Unter normalen Umständen hätte ich niemals so viel Zeit mit meiner Familie, insbesondere meiner nun 14-monatigen Tochter, verbringen können, wie in dieser Zeit.

Selbstverständlich ist – wie bei allen Gartenbesitzern – der Outdoor-Bereich komplett fertig und gepflegt, ebenfalls ein Tribut des Faktors Zeit. 

Außerdem stürzte ich mich ins Songwriting und veröffentlichte im April eine EP mit 6 Titeln, darunter einige bereits veröffentlichte und als Weltpremiere das Lied ‘Bis in die Ewigkeit’, ein orchestrales Stück, gesungen vom Bocholter Winni Biermann.

Im Mai und Juni nahm ich gemeinsam mit meinem Produzenten Marc Sokal in Wuppertal ein Instrumental-Album mit 13 Surfmusic-Titeln auf, einer Musikrichtung, die sich dem Laien am ehesten mit ‘Quentin Tarrantino – mäßigen’ Filmmusik beschreiben lässt. Das entstandene Album ‘Surfisticated’ ist quasi ein Revival, denn ich spielte 10 Jahre in einer Surfband mit internationalen Auftritten. 

Zwei für den Frühsommer und Sommer geplante Musikprojekte lagen mir besonders am Herzen und waren es Wert, alles daran zu legen, sie trotz der erschwerten Lage durchzuführen: 

Die Insel Helgoland, mit der ich seit 2017 sehr eng und auf vielen Projektebenen zusammenarbeite, buchte mich für ein Schulprojekt in der hiesigen James-Krüss-Schule, um mit den 81 Schülern der kleinen Inselschule gemeinsam mit dem Schulsozialarbeiter – ebenfalls Musiker – ein umfangreiches Musikprojekt durchzuführen.

Die Vorzeichen konnten schlechter nicht sein : Abstands- und Hygieneregeln, Singverbot, Arbeit nur in kleinen Gruppen mit Abstand, das alles verhieß nichts Gutes. 

In täglichen Telefonaten und regem e-mail-Verkehr checkten wir die Möglichkeiten ab und strickten mit der Schulleitung am Konzept, um die Arbeit mit den Insel-Kids hinzubekommen.

Schlussendlich arbeiteten wir mit allen Klassen eine Woche lang am Inhalt und Text einer neuen Schulhymne. Gemeinsam mit Schulsozialarbeiter Carsten Graetsch schrieb ich nach der intensiven Projektarbeit mit den Schulkindern Text und Musik des Stücks, das den Namen ‘Die Kinder von Helgoland’ erhielt und am letzten Schultag vor den Ferien von der Helgoländer Sängerin Sonja Mangelsdorf und der Gitarrenbegleitung der beiden Dozenten live auf dem Schulhof uraufgeführt wurde. Die Begeisterung war der Schülerschaft, die Corona-Regelkonform im Abstand von je 2 Metern auf dem Schulhof saßen, und den Lehrern sowie der Schulleiterin Eva Middeldorff, deutlich anzumerken und hier und da wurde sogar ein Tränchen sichtbar – toll!   

Nach diesem schönen Erfolg hatte ich die Idee, die neue Hymne nicht in der Schule zu belassen, sondern in die Welt zu tragen. Hier war Andreas Strutz vom Helgoland Tourismus-Service der richtige Ansprechpartner, denn er ist für zukunftsweisende Visionen, die Helgoland repräsentieren, immer ansprechbar. Carsten Graetsch und ich entschieden gemeinsam mit Andreas, mehrere Versionen der ‘Kinder von Helgoland’ zu produzieren, diese auf CD zu veröffentlichen und einen Teil des Erlöses einem Guten Zweck zuzuführen, der Kindern zu Gute kommt. Die Produktion wird im September auf der Insel mit dem Wuppertaler Produzenten Marc Sokal durchgeführt, geplant ist eine orchestrale, eine Rockversion, eine mit dem Insel-Shantychor ‘Die Karkfinken’ sowie zwei weitere, sodass insgesamt fünf Versionen veröffentlicht werden. Selbstverständlich werden die Kinder der Schule auch im großen Chor vertreten sein.

Der NDR wird die Produktion mit einem TV-Team begleiten.

Das zweite Großprojekt war unsere jährliche Rockschul-Tour nach Helgoland, bei der rund 30 junge und gestandene Musiker bei mehreren Liveauftritten für Stimmung sorgen. 

Auch hier war lange fraglich, ob eine Busreise dieser Größenordnung inklusive Unterbringung der Gruppe in der Jugendherberge überhaupt möglich sei. 

Buchstäblich bis zum letzten Tag wurden die Regularien beobachtet, die für die Bundesländer NRW und Schleswig-Holstein galten, besonderes Augenmerk lag dann auf den Extra-Regeln für die Nordseeinseln. Als das finale ‘GO’ von allen Seiten kam, konnte es endlich losgehen.

Wir traten als homogene Gruppe mit insgesamt 28 Mitfahrern auf, probten in unterschiedlichsten Konstellationen Songs ein und schraubten ein spannendes Liveset zusammen, das wir bei zwei Auftritten im offenen Pavillon an der Landungsbrücke sowie bei mehreren Straßenmusikauftritten zum Besten gaben. Die Insel und die Inselgäste zeigten sich angetan bis begeistert und folgten uns bei unseren Liveauftritten. 

Die Gruppenchemie war bei dieser Tour so toll, dass sich schon jetzt alle (!) für das nächste Jahr angemeldet haben, wenn wir das fünfte Mal auf Helgoland sein werden. 

Während der Tour bekam ich zudem das finale GO von der Gemeinde Helgoland, im Jahr 2021 die zweite HELGOLAND -CD produzieren zu dürfen, die Fortsetzung des erfolgreichen Projekts von 2019, bei ich mit meinem Produzenten Marc Sokal unter dem Einfluss der winterlichen Naturgewalten ein Album mit 12 eigenen Songs aufnahm, das Musikerfreunde aus mehreren europäischen Ländern vor Ort besangen und so zu einem internationalen Album über die Insel Helgoland machten. Seit dem wurde das Album tausendfach verkauft und Gästen aus Politik und Gesellschaft als Präsent überreicht. Wir freuen uns auf die Produktion von HELGOLAND II (Arbeitstitel) im Juni 2021 – Dieses Mal wird es eine sommerliche Platte.

Bei all der Euphorie über das funktionierende Business bin ich in Gedanken dennoch oft bei meinen Kollegen aus dem Musik-, Veranstaltungs- und auch Gastronomie – Bereich, die keine Chance haben, Weichen anders zu stellen und die vor existenziellen Sorgen und der Insolvenz stehen. 

Jungen Menschen möchte ich mit auf den Weg geben, dass es immer wichtiger wird, sich breit aufzustellen und verschiedenste Wege zu beschreiten, immer offene Augen und Ohren für Entwicklungen zu haben und Chancen zu ergreifen. 

Das gute alte ‘Schuster bleib bei Deinen Leisten!’ gilt in meinen Augen schon lange nicht mehr. 

Ich wünsche Euch allen, dass Ihr gut durch diese Zeit der Herausforderungen kommt und dass auf der anderen Seite der Corona-Krise alles gut wird.

Euer Marco Launert

Marco Launert, geb. 1973 in Essen 

Abitur 1993, Studium BWL (nicht vollendet)

Seit 2001 am Niederrhein aktiv

Musiker, selbst. Musiklehrer, Eventmanager, Gastronom 

Kontakt : info@rockschule.de