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Medical Training

Okt 27, 2020 | VITAL

Ist für Sie und Ihre Fellnase jeder Tierarztbesuch ein Schreckgespenst oder sind Sie schon bei dem Gedanken an eine Weiterbehandlung daheim – wie zum Beispiel die Applikation von Augentropfen – schweißgebadet? Dann sollten Sie sich mit dem Thema Medical Training auseinandersetzen. Dies dient dem schrittweisen Aufbau eines erwünschten Verhaltens während der tierärztlichen Sprechstunde oder bei Körperpflegemaßnahmen durch positive Verstärkung. Richtig vorbereitet können Sie Tierarztbesuche mit Ihrem Liebling zukünftig als Trainingsevent betrachten. 

Ursprünglich stammt die Idee des Medical Trainings aus der Zootiermedizin. Einen Elefanten, einen Löwen oder einen Eisbären zur Diagnostik oder Therapie zu fixieren, ist viel zu gefährlich. Jedoch ist das Narkoserisiko gerade bei erkrankten Patienten nicht zu unterschätzen, so dass das Medical Training eine praktikable Lösung ist, um einfache diagnostische Maßnahmen oder kleinere therapeutische Anwendungen ohne Sedation durchzuführen. So lassen sich selbst schmerzhaftere Prozeduren bei Zootieren, wie die Gabe von Injektionen oder auch eine Blutentnahme, durch das konsequente Training mit positiven Verstärkern erreichen, ohne dass zuvor ein Beruhigungsmittel gegeben werden muss.

Die Mensch-Tier-Beziehung zwischen Halter und Haustier dürfte durch das Zusammenleben noch intensiver und vertrauensvoller als die zwischen Pfleger und Zootier sein, so dass es Hunde- und Katzenhalter durch den täglichen Umgang leichter haben, für den Ernstfall in der Tierarztpraxis zu üben. Idealerweise wird bereits dem Welpen beigebracht, welches Verhalten wir während der Diagnostik und der Therapie erwarten. Richtig trainiert kann der Tierarztbesuch zu einem stressfreien Unterfangen werden. Ich empfehle, auch daheim auf einem Tisch – analog zur Kleintierpraxis – zu trainieren. Dies birgt den Vorteil, dass das Tier zwischen Trainingseinheit und Freizeit unterscheiden kann. Außerdem befindet sich der Halter in einer angenehmeren Körperhaltung, um Behandlungen durchzuführen.

In der Zootierheilkunde wird ausschließlich auf die positive Verstärkung gesetzt, da der Einsatz von Zwangsmaßnahmen gefährlich ist. Hierzu wird mit Hilfe der klassischen Konditionierung ein Verstärkersignal aufgebaut. Manchen Lesern ist dies sicher schon aus dem Clickertraining bekannt, wobei der Ton aus einem sogenannten Knackfrosch dem Tier signalisiert, dass es die Sache gut gemacht hat. Alternativ kann ein Markerwort wie „Fein!“ oder „Yes!“ benutzt werden. Optimalerweise wird ein Kooperationssignal, eine Haltung, die das Tier einnimmt, aufgebaut. Dies kann das Liegen auf einer Seite oder ein Kinntouch (Auflegen des Kinns auf die Handfläche des Halters) sein. Der Patient lernt, auf Kommando das Kooperationssignal einzunehmen und währenddessen Untersuchungsmaßnahmen zu erdulden. Um keine negativen Stimmungen zu erzeugen, hat das Tier immer die Möglichkeit, die Position zu verlassen. Somit wird dem Patienten ein Mitspracherecht eingeräumt, so dass es ein eventuelles Unbehagen signalisieren kann. Somit wird in der Zootiermedizin erst wenn der Patient dazu bereit ist, eine Untersuchung zu erdulden, diese dann auch durchgeführt. In Notfällen werden die Tiere mit einem Beruhigungsmittel versehen, um negative Verknüpfungen auszuschließen.

Als Kleintierärztin weiß ich jedoch, dass es Situationen gibt, in denen dem Tier kein Mitspracherecht mehr zugestanden werden kann und eine Sedation nicht praktikabel ist. So ermutige ich die Patientenbesitzer, dem Vierbeiner außerdem beizubringen, sich festhalten zu lassen, bis der Tierhalter die Situation auflöst. Besonders wichtig hierbei ist, dass sich der Patient nie selbstständig aus der verlangten Position befreien kann, da bei Fluchterfolg zu erwarten ist, dass das nächste Mal noch heftiger gezappelt wird, um der unangenehmen Situation zu entrinnen. 

Grundsätzlich muss betont werden, dass sich jeder Patient – ob groß oder klein – fürs Medical Training eignet und ich Ihnen diesbezüglich Mut machen möchte. Für Ihr Tier handelt es sich lediglich um eine weitere Form der Beschäftigungsmöglichkeit. Da das Training zu Hause jedoch nicht dem Ernstfall entspricht, biete ich unseren Kunden an, zur Mittagszeit einen Raum in meiner Praxis zu nutzen, um ihr Training natürlich mit dem Superleckerchen und gegebenenfalls mit einer tiermedizinischen Fachangestellten weiterzuführen. Nach mehrmaligen Besuchen können es die Patienten kaum erwarten, in den Behandlungsraum zu gelangen. Besonderes Ansehen meinerseits genießt eine Katzenbesitzerin, die nach einer unschönen Flucht ihres Stubentigers bis auf den Schrank der Tierarztpraxis das Medical Training mit Ihrer Samtpfote begonnen hat und regelmäßig das Einsperren in den Katzenkorb bis hin zur Fahrt in die Tierarztpraxis trainiert. Gut gemacht, Minou!

Ihnen wünsche ich entspannte und lehrreiche Stunden im tristen November und verbleibe mit fröhlichen Grüßen bis zu meinem nächsten Artikel „Fellpflege im Winter – gut gegroomt ist gut isoliert“

Ihre Dr. Simone Möllenbeck