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Remember When …

Mrz 2, 2021 | Kitchen

Eine Erinnerungsreise durch den Kühlschrank und das Weinregal

Den Stammleserinnen und -lesern dieser Kitchen-Kolumne ist unser Grundsatz „Koche nichts, worüber du keine Geschichte erzählen kannst“, nicht fremd. 

Als mich meine Lieblings-Chefredakteurin und Ehefrau Kirsten sanft auf den bevorstehenden Redaktionsschluss dieser Ausgabe hinwies, wurde mir deutlich, dass zu wenig Zeit blieb, um geruhsam ein Menü zu entwerfen und über den Markt zu schlendern etc. 

 

Getreu dem Motto „wo kein Schnee liegt, kann gerannt werden“ (wie treffend, zumindest bis vor Kurzem) bewegte ich mich zum Kühlschrank. Ich liebe dieses Teil, bei dem man beide Türen gleichzeitig öffnen kann (Frenchdoor heißt das Konzept) und die Zutaten sich wie ein Ensemble auf einer Bühne aufreihen, um gemeinsam ein großes Stück zu spielen.

Die 40cm geschlossene Schneedecke war zwar ganz witzig, aber für’s Flanieren auf dem Wochenmarkt eher suboptimal. Das wurde dann auch traurige Gewissheit, als ich vor dem geöffneten Kühlschrank stand. Das Ensemble von frischen Zutaten reduzierte sich auf einen Romanesco, einen Blumenkohl, Pilze und Lammfilet. Das große Orchester schmolz zum Quartett. Aber mit den standard-vorhandenen Zwiebeln und Kartoffeln ließe sich ein ansehnliches Sextett zusammenstellen. Mit dem passenden Tropfen, Gewürzen und Kräutern ließe sich bestimmt ein schönes Stück für Augen, Gaumen und Magen komponieren. Und so wanderten die Zutaten auf unsere Schnippel-Bretter. 

Und während sie so da lagen, bauten sich bei mir die Story auf, die ich jetzt gerne mit euch teile: 

Der Romanesco

Faszinierend, welch schöne Gebilde die Natur kreieren kann. Ich denke an den Markteinkauf mit meiner Nichte Mona zurück. Kiddy’s-Kitchen war angesagt und Mona war die Bestimmerin. Es wanderten nur Produkte in unseren Korb, die von ihr persönlich ausgewählt wurden – ohne ein fertiges Gericht vor Augen zu haben. „Roland, was ist das?“ „Ein Romanesco, das ist eine Mischung zwischen Blumenkohl und Brokkoli, liebe Mona.“ „Okay, wir nehmen den OmiNesco.“ Seitdem hat dieses wohlschmeckende Trend-Gemüse seinen Namen bei uns weg.

 

Die Zwiebeln

Normale Haushaltszwiebeln und rote Zwiebeln hatten schon immer einen Stammplatz in unserer Küche. Seit einiger Zeit werde ich nervös, wenn wir keine Roscoff-Zwiebeln im Hause haben – eine extrem schmackhafte Zwiebelsorte aus der Bretagne. Ich erinnere mich an meiner Wiederentdeckung und Neu-Interpretation einer überbackenen Zwiebelsuppe.

 

Die ShiTake-Pilze

Wenn ich mich recht entsinne, war es eine asiatische Salat-Kreation mit eben diesen Pilzen und geräucherter Entenbrust, für die mir Kirsten meinen „zweiten Stern“ an die Brust getackert hat.

 

Die Kartoffeln

Es dürfte ca. neun Jahre her sein, als ich Kartoffeln in der Pelle mit Meersalz angesetzt hatte, um mich dann wieder der Schreiberei zu widmen. Kurz vor dem Einsetzen des Rauchmelders, signalisierte mir meine Nase, dass all das Kochwasser verdampft war, und die Kartoffeln mit dem Salz auf dem Topfboden knisterten.

Der Geruch versetzte mich zurück in meine Kindheit. Ich sah mich an einem Lagerfeuer stehen, in dessen Glut wir Kartoffeln hielten, die wir an Stöckern aufgespießt hatten.

Ich sehe meine rußgefärbten Finger, die die Schale der Kartoffeln abkratzen, um das gelbe Innere der Kartoffel freizulegen. Ich war und bleibe ein Kartoffelkind. Seit diesem Fast-Verbrennen vor neun Jahren, ist dieser kochtechnische Flashback in meine Kindheit ein festes Ritual für mich  – geräucherte Kartoffeln sind aus unserer Speisekarte nicht mehr wegzudenken.

 

Die Lamm-Filets

Es muss in etwa 2009 / 2010 gewesen sein, als mich die Sehnsucht nach gelegentlichem Vagabundieren einholte. Ich war förmlich unterzuckert, nach Auszeiten mit einem Wohnwagen und dem Urlaub in freier Natur. Und so durchforstete ich das virtuelle Universum, auf der Suche nach dem Besonderen – einem Wohnwagen, der zu mir passte. Es war ein mattschwarz-lackierter Wohnwagen, der zuvor einem Motorcross-Fahrer als Bleibe für sich und seine beiden Cross-Maschinen gedient hatte. Die normale Wohnwagentür hatte er durch eine ebenfalls schwarz gestrichene Bau-Tür ersetzt – vor dem Hintergrund, seine Motorräder hinein wuchten und transportieren zu können.

Wegen der Aufgabe seines Hobbys stand dieser Exot bei Ebay. Die Zielgruppe für diese „Schwarze Mamba“ reduzierte sich auf eine einzelne Person – mich. Ich musste dieses Teil haben.  Den damaligen Stellplatz der Motocross-Maschinen verwandelte ich in eine Küche, die mit einer herkömmlichen Campingküche sehr wenig Gemeinsamkeiten aufwies.

Die beiden amtlichen Induktionsfelder schienen dem neutralen Betrachter etwas
überdimensioniert – mir gerade ausreichend, um mich auch in der zivilisierten Wildnis eines Campingplatzes an der Ahr adäquat versorgen zu können. Und so wanderten amtliche Teak-Gartenmöbel, Kupfertöpfe- und Pfannen, Kerzenlüster, große Weingläser, Windlichter etc. in den frisch erstandenen Wohnwagen. Mit Lara, meiner baileys-farbenen Hovaward-Freundin machte ich mich auf den Weg nach Dernau. Am Handelshof in Bocholt legten wir einen kurzen Boxenstop ein, um die Kühlboxen für die bevorstehende Auszeit zu füllen.

Der Aufbau der „schwarzen Mamba“, nebst Dekoration des Umfeldes mit amtlichen Deko-Devolatien schien meine plastikverwöhnten Nachbarn zu irritieren. Diese Irritation verstärkte sich beim Einsetzen der Dämmerung. Während ich das Umfeld meiner Teaktafel in ein Kerzenmeer verwandelte, beäugten mich meine Nachbarn aus dem Inneren ihrer grell erleuchtetet Wohnwagen. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich die zweite Induktionsplatte aufdrehte, um die Lammfilets scharf anzubraten. Da wurde es für alle zappenduster. Die insgesamt 6.000 Watt schienen der berühmte Tropfen gewesen zu sein, der das gesamte Stromnetz des Campingplatzes zum Erliegen brachte. Es war argumentativ ein langer Weg, meinen Nachbarn und dem Campingplatzbetreiber zu erklären, dass der ganze Aufwand nötig sei, um die Lammfilets, das Portwein-Sößchen, die geschmorten Zwiebeln und die Kartoffeln auf den Punkt zu brutscheln.

Doch letztendlich saß ich mit Lara dann beim fertigen Menü, bereit zum teilen. Mit Lara und mit dem ein oder anderen „richtigen Camper“, der zumindest halbwegs für meine Preismeise für diese bizarre Form des Campings empfänglich war. Noch in der Nacht sicherte ich mir damals die Domain „www.ambiente-camping.de

 

Der Portwein

 Es war vor mehr als vier Jahrzehnten als eine Flasche Mac Duff – Portwein Einzug in meinen Einkaufswagen hielt. Ich fand dessen Flaschenform extrem geeignet, um fortan als Kerzenflasche zu dienen. Das war meine erste Begegnung mit dem leicht angestaubten Genussmittel Port. Die Begeisterung wandelte sich in eine bis heute anhaltende Faszination. Eine der ersten Stories, die ich seinerzeit aufsog war, dass Admiral Nelson immer einen Schluck Port über den Holztisch ergoß, um die Strategie seiner Seeschlachten mit seinen Offizieren zu erörtern.

Wir sind behutsamer mit diesem Genussmittel umgegangen. Wir haben es vornehmlich mit guten Freunden geteilt, um anschließend nicht minder ausgeklügelte Strategien zu ersinnen. Seeschlachten standen eher seltener im Focus unserer Drink & Think-Szenarien.

Eine gute Flasche Port war es, die meinen im letzten Jahr, im gesegneten Alter von 93 Jahren, verstorbenen Freund Hermann Kunkler und mich zusammenführte. Und wenn ich so recht überlege, waren es viele gute Momenten und Begegnungen, die mit einem Schluck Port eingeleitet wurden …. warum nicht auch dieses Gericht, was Gegenstand dieser Kitchen-Kolumne sein sollte.

Zu dem ganzen Setting gesellten sich noch Gemüsebrühe, ein Glas Sahne, drei verschiedene Pfeffersorten (grüner, roter und weißer), sowie Rosmarin und frischer Knoblauch.

Bei all diesen aufgepoppten Erinnerungen kann es unmöglich ein „normaler“ Küchenwein sein, der diesen Kochprozess nebst anschließendem Verzehr begleitet. 

Meine Wahl fiel auf einen 2008er Petit Verdot von meinen Freunden Jacoline & Johan Haasbroek aus Franschhoek / Südafrika. Ein Tropfen aus dem Jahr, in dem wir uns kennenlernten. Dem Jahr, wo ich einen großen Bruder „im Geiste“ als Freund gewonnen habe und dem ich im letzten November leise aus der Distanz Tschüss sagen musste.

„Leb Wohl, mein weiser Freund“…. war der Toast, den ich beim ersten Schluck gen Süden schickte, um dann die Flammen unseres Gasherdes aufzudrehen. 

Beim Brutscheln kam ein wenig Wehmut auf, bei all den Erinnerungen, die sich an diesem Tag bei der Kreation dieses Gerichtes zusammentrugen. Was kann die passende Musik dazu sein?

Meine Wahl fiel auf Remember when („erinnerst du dich als….“) von den Parlotones, meiner Lieblingsband aus Südafrika, die meine musikalischen Horizont seit 2008 bereichern.

Hier als schöne Unplugged-Version, mit privaten Impressionen der Band

Wer es gerne etwas rockiger mag, ab Minute 01:22… mit dem Walk durch die Waterfront in Kapstadt bekommt ihr ein Gefühl, was die Jungens auf der Bühne abziehen.

Mein Fazit: Ein tolles Gericht, was mal wieder aus Verknappung entstanden ist. Eine kleine Reise durch den Kühlschrank, die zu einer Odyssee der Erinnerungen mutierte.

Höchst spannend und bewegend, welche Stories in uns schlummern und wie man diese miteinander ins Schwingen bringen kann. 

Kulinarisch-Vinologische Grüße