Mo.-Fr., 8 – 17 Uhr

125 Jahre 1. FC Bocholt 1900 e. V.  | Wir Gefühl statt Personenkult 

Nov. 25, 2025 | Portraits

In guten wie in schlechten Zeiten | Alte (schwatte) Liebe rostet nicht

Advertorial | Fotos: Kirsten & Roland Buß | Text: Roland Buß

 

Flashback

Dienstag, 07. Oktober 2025, 21.34 Uhr | 46399 Bocholt | Am Hünting 19 | Stadion des 1. FC Bocholt | Tribüne 

Ich blicke in die Lichter der beiden Flutlichtmasten auf der gegenüberliegenden Seite des Spielfeldes, die das satte Grün des Rasens ausleuchten. Obwohl sich vieles verändert hat, fühlt es sich ein Stück weit an, wie nach Hause zu kommen. 

Ein Blick aufs Handy … auf Kicker.de … verrät mir, dass es gestern auf den Tag exakt 29 Jahre her war, dass ich dieses Stadion letztmalig als bekennender Fan besucht habe. Damals noch an der Seite meines Vaters, der einen großen Teil seiner Jugend und seines Erwachsenwerdens auf und neben dem Spielfeld verbracht hat. „Schira“ … wie ihn alle nannten, lief in den 60er-Jahren regelmäßig mit der Nummer 9 für die Schwatten auf. Vornehmlich in der Zweiten Mannschaft … der Reserve, wo er sich wohlfühlte – mehrere Male in der Ersten Mannschaft, wenn Not am Mann war … er berufen wurde. 

Während meiner eigenen bescheidenen Fußballer-Karriere Ende der 70er war die Not des Traditionsclubs offensichtlich niemals so groß, mich zu verpflichten 😉 … und so blieb es bei einigen Jahren Kicken in der Jugend von Borussia Bocholt – einen Teil davon mit Bocholts berühmtestem Fußballer Roland Wohlfarth. 

Ich hatte zwar die Fußballschuhe meines im Jahre 2009 verstorbenen Vaters geerbt, aber nicht sein fußballerisches Talent. Sehr wohl aber teilte ich seine Passion für den 1. FC Bocholt – abseits des Spielfeldes. Vom fahnenschwingenden Pubertierer bis zum jungen, dreifachen Vater. Letztendlich war es ein 0 : 7 gegen Wattenscheid 09, das diese „schwatte Liebe“ einschlafen ließ. Von der Tribüne aus erspähe ich den Platz, wo ich am 06. Oktober 1996 (danke, Kicker, für die Info) … mit meinem Dad das letzte Bierchen auf dem Hünting geteilt habe. 

 

Flutlichtimpressionen | 7.Oktober 2025

Das Straucheln der Bayern
Der Sensation so nahe 

Fast drei Jahrzehnte später sitze ich mit einem Stauder Pils in der Hand hier in dem menschenleeren Stadion und fege den Staub aus verblassten Erinnerungen. Ich blicke zum Tor in der sogenannten Bahia-Kurve. Dort lag ich am 03. August 1984 direkt hinter dem Tornetz, mit meiner ersten Spiegelreflexkamera im Anschlag – einer Canon AE-1 Program, die ich mir von den 777 gewonnenen D-Mark beim Spiel 77 gegönnt hatte. Mit deutlich weniger Filmrollen als die vielen Profi-Fotografen mit ihren Ofenrohr-Objektiven um mich herum trat ich über den Schürnbuschweg den Heimweg an – zufrieden mit der Ausbeute und stolz, ein Schwatter … ein Bocholter zu sein. Gemeinsam mit ca. 18.000 Zuschauern war ich Zeuge geworden, wie der 1. FC Bocholt den großen FC Bayern München im Viertelfinale des DFB-Pokals ins Straucheln gebracht hatte. Mit einem mühsam erkämpften 2 : 1-Sieg mussten sich Rummenigge & Co. auf den Rückweg machen – begleitet von Spott und Hämen der Fußballnation Deutschland. Viele von denen werden möglicherweise ihre Atlanten und Falk-Pläne durchstöbert haben, um festzustellen, wo dieses Bocholt verortet ist – die erste Webseite dieses Planeten ging erst sieben Jahre später online. Google Earth feiert in diesem Jahr sein Zwanzigjähriges – nur mal zur Orientierung 😉 

 

Zweiter Eindruck zu „Schorchi“

Ich löse mich aus den Erinnerungen und kehre zum Zelt zurück, wo die Volksbank Bocholt zum sogenannten „Jungunternehmer-Stammtisch“ geladen hat – ebenfalls anlässlich ihres 125-jährigen Bestehens. Geladen sind auch Kirsten und ich … quasi im Anschluss an unsere morgendliche Interview-Session mit dem Vorstand und Bernd Kleine-Rüschkamp (Leiter Kommunikation der Volksbank Bocholt eG).

Auf dem Weg dahin begegne ich Christopher Schorch – dem Geschäftsführer Sport des 1. FC Bocholt: „Respekt und danke, für deinen emotionalen Vortrag“ – mein Statement zu „Schorchis“ Auftaktimpuls des heutigen Abends – unterstrichen durch einen sportlichen Händedruck. Circa ein Jahr ist es her, dass wir uns abends vor der Osteria von Mario und Pippo bei einem Glas Wein erstmalig über Bocholts Fußball-Glanzzeiten ausgetauscht hatten. 

Im Zelt geht es vertraut weiter: Begegnungen mit vielen gut bekannten Gesichtern, Bocholter Unternehmerinnen und Unternehmern. Junge, mitteljunge und in Ruhe gereifte Charaktere aus der Region mit dem Grundtenor der Anerkennung für diese Aufbruchstimmung, die am Hünting allgegenwärtig erscheint – nicht zuletzt dank des Engagements von Christopher Schorch. 

Aus dessen Begrüßungsansprache fließen folgende Notizen aus seinem Munde in mein Moleskine: 

Man solle sich nicht größer machen, als man ist | Bocholt: Eine superschöne Stadt mit extrem viel Lebensqualität | Sport verbinde … aber dafür brauche es auch Menschen, die sich verbinden | Als Stadt, als Bevölkerung, als Verein müsse man dafür sorgen, jungen Talenten in der Region ein familiär-sportliches Zuhause zu bieten | Als Verein sei man Wege gegangen, die neu sind,  die anders sind … die organisatorisch klar sind | Investitionen müssen mit Augenmaß platziert werden … nicht nur in den Kader … sondern gleichermaßen in die Infrastruktur – um den Verein … die Region für die Zukunft aufzustellen | Ca. 2.000 Besucher pro Heimspiel vermitteln ein tolles Gefühl … für die Spieler, für den Verein … aber das sei erst der Anfang | Bei der Verpflichtung neuer Spieler sei es vorrangig die Vision des 1. FC Bocholt, die überzeuge – nicht allein das Geld | Es gelte, den Verein als Unternehmen, als Marke zu formen, die junge Talente anlockt, statt nach ihnen suchen zu müssen. Es müsse wieder zu einer Ehre werden, für den Verein auflaufen zu dürfen | Mit der neuen Flutlichtanlage sei ein bedeutender Meilenstein absolviert – jetzt gehe es ans Herzstück: die Realisierung der Pläne für die Tribünen. Das seien nicht einfach Baukörper, das sei das Fundament für ein neues Kapitel der Vereinsgeschichte.

Verstaubte Erinnerungen PART II | Chaosfahrt nach Köln | Als Fahnen fliegen lernten … und Kassenhäuschen Beine bekamen 

Im Bereich des Tresens, wo diese Notizen ihren Weg aufs Papier finden, liegen einige Exemplare „125 Jahre | 1. FC Bocholt“.  Beim Schnell-Schmökern des Buches zum Jubiläum entdecke ich auf Seite 86 eine Kurzgeschichte mit der Headline „05.03.1978: Chaosfahrt nach Köln“, die mir trotz der inzwischen zurückliegenden 28 Jahre noch lebhaft in Erinnerung ist. 

 Circa 40 Sonderbusse mit mehr als 2.000 Fans hatten sich seinerzeit von der Vereinsgaststätte Schwung auf dem Hemdener Weg zum Auswärtsspiel der Schwatten bei Fortuna Köln in Bewegung gesetzt. Auf der letzten Bank in einem der Busse ein ziemlich stolzer Jüngling mit riesiger schwarz-weißer Fahne. Das Tuch von Mutter Änne genäht … vor mir, mit Reißnägeln an einem drei Meter langen, bei Obi erworbenen Rundholzstab ins Massivholz getrieben. 

 Ein sichtlich beeindruckendes Bild, dieser Konvoi, was einige Fahnenbesitzer durch „Flagge zeigen“ unterstrichen. Flugs wurden einige der Masten durch die Dachluken geschoben, um den Fahnenstoff im Fahrtwind spielen zu lassen. Stolz wie der besagte Oskar, dessen genaue Identität nicht mal ChatGPT kennt, gönnte ich meiner neuen Fahne ihr ersten Auswärtsspiel. 

 Habe ich eigentlich schon mal erwähnt, dass ich relativ geschickt an Töpfen und Pfannen agiere, während ich bei schlichten Heimwerkerarbeiten über ein wohlwollendes „mangelhaft“ (Schulnote: 5) selten hinausschieße? 

Es gibt sie, diese Bilder, die sich auf ewig ins Gedächtnis brennen. Ungefähr auf Höhe der Raststätte Hünxe sah ich schwarz-weißes Tuch am Bus vorbeifliegen, um auf dem Asphalt der A3 von den nachfahrenden Gefährten überrollt zu werden. Meine Hoffnung, dass eine andere Fahne betroffen sein könnte, pulverisierte sich beim Einholen meines jungfräulichen Rundstabes. Während ich Nachhilfestunden in Sachen Fahnenbau bekam, rollte die Kolonne weiter Richtung Köln. 

Der Fahrer von Bus Nummer eins schien einen ähnlich schlechten Tag erwischt zu haben wie ich. Statt den Weg zu Fortuna Köln zu bereiten, hatte der den Weg zu Viktoria Köln eingeschlagen – die ebenfalls seinerzeit in der zweiten Fußball-Bundesliga spielten – nur nicht an diesem Wochenende … und schon gar nicht gegen den 1. FC Bocholt. Endlich am richtigen Stadion angekommen, lief das Spiel bereits 15 Minuten. Mehr als 2.000 mitgereiste Fans trafen auf ein einzelnes einsames Kassenhäuschen, welches noch für Nachtrödler besetzt war. Während ich nach meinem Schülerausweis fingerte und mich auf ein Abarbeiten der Schlange frühestens zum Halbzeitpfiff einstellte, wanderte plötzlich das Kassenhäuschen samt Ticketverkäufer an mir vorbei an den Rand des Trosses. Eine Handvoll „Männer der Tat“ bugsierten dieses an eine Telefonzelle erinnernde Einlass-Nadelöhr kurzerhand beiseite. So richtig wohl war mir nicht dabei, das Stadion zu stürmen … in meiner noch jungen, rechtschaffenen Haut. Nennen wir es ausgleichende Gerechtigkeit, dass anschließend die Fortunen aus Kölle unsere Mannschaft überstürmen und wir ohne Punkte heimfahren.

Schwatte Liebe 2.0 | Vertrag mit mir selbst 

Während meines Schmökers hatte Kirsten die stets engagierte und gut aufgelegte Evelyn hinter dem Tresen erspäht, die Tochter von Barbara aus unserem damaligen PAN-Verteil-Team. Bierchen und Kaufexemplar des Jahrbuches wandern in unseren Besitz. Viele vertraute Impressionen aus der Lektüre und das Gehörte aus Schorchis Mund formen meinen Entschluss, die „Schwatte Liebe“ neu zu befeuern. Auf dem vertrauten Fußweg zu den Parkplätzen erinnere ich mich an das Interview mit Klaus Tenbrock, dem Gründer und Geschäftsführer der Firma praemium, Hauptsponsor und neuer Namensgeber für das Stadion am Hünting. Auch Klaus hatte nach Jahren der Abstinenz seine Liebe zum 1. FC Bocholt neu entdeckt. Auf der Rückfahrt besiegele ich mit Kirsten das historisch gewachsene Bekenntnis zu diesem besonderen Verein. Am Morgen danach biete ich „Schorchi“ und Samira Berns (Leitung Organisation & Marketing des 1. FC Bocholt) eine Interview-Session im PAN an – quasi eine „Schwatte Ecke“ als Dank für Erlebtes und als Zeichen der Verbundenheit. 

Interview-Session Christopher Schorch & Samira Berns 

Mittwoch, 22. Oktober 2025, 16.00 Uhr | 46399 Bocholt | Am Hünting 19 | Clubheim/Geschäftsstelle des 1. FC Bocholt   

Wir lassen uns bei einer Tasse Kaffee am Meetingtisch im „Multifunktionsraum“ nieder. Der lässt ahnen, dass er im
Prozess der Professionalisierung der Infrastruktur gegenüber Tribüne, Flutlicht etc. (noch) zurückstehen musste. 

Zu Christopher hatte ich ergoogelt: 

30. Januar 1989 in Halle an der Saale geboren | 1,91 m groß | Stationen: Hallescher FC | Hertha BSC | Real Madrid Castilla | 1. FC Köln | Energie Cottbus | MSV Duisburg | VfL Bochum II | KFC Uerdingen | FSV Frankfurt | 1. FC Saarbrücken | Karriereende: 08.03.2022 beim Wuppertaler SV 

Position: Abwehr – Innenverteidiger | Höchster Marktwert:
2 Millionen Euro (17.01.2010)

22.056 Spielminuten Erfahrung in 287 Einsätzen. 25 Länderspieleinsätze in der deutschen Nationalmannschaft (U16 bis U20). 

Etwa viermal so viele gelbe Karten wie erzielte Tore (insgesamt: 13). Offensichtlich kein Kind von Traurigkeit, dennoch fair in den Mitteln: Im Vergleich zu 56 gelben Karten blieb es bei einer gelb-roten und einer einzelnen roten Karte. 

Quelle: https://www.transfermarkt.de/christopher-schorch/profil/spieler/36902

Bevor wir loslegen, was ist dir wichtig, was soll rüberkommen? 

Christopher Schorch: Ich fände es gut, wenn rüberkommt, wie die Realität hier aussieht, wie wir im Verein ticken, was wir wollen … und dass wir als Team agieren. Es geht nicht um mich … es geht um den Verein und die Region. 

Lass uns an deine Statements andocken, die ich bei der Volksbank-Veranstaltung skizziert habe. Du hast den 1. FC Bocholt realistisch im Mittelfeld der Regionalliga eingemessen. 

Christopher Schorch: Das sehe ich nach wie vor so, auch wenn es Stimmen gibt, die uns mehr zutrauen. Wir haben nicht die finanziellen Mittel, um uns einen Aufstieg zu erkaufen. Nach den bisherigen Spielen bin ich dennoch optimistisch, dass wir in einen Flow kommen. Bis jetzt gab es noch keine Mannschaft, die uns an die Wand gespielt hat. Unsere Niederlagen waren stets knapp und basierten auf individuellen Aussetzern. Da müssen wir noch besser werden, insbesondere auch in den Köpfen. Wenn wir uns weiter in Richtung Spitzenteam entwickeln, bedeutet dies die konsequente Reduktion von Fehlern. 

Unlängst las ich von einem weiteren Neuzugang … 

Christopher Schorch: Du meinst Marlon Frey. Der Junge hat zuletzt bei 1860 München gespielt – er ist nicht wegen des Geldes nach Bocholt gekommen. 

… sondern … 

Christopher Schorch: Wir haben damals Max Jansen als klaren Sechser für uns gewinnen können. Max hat derzeit gesundheitliche Probleme, bei denen wir nicht absehen können, wie lange das anhält. Ich habe Kai Michalke angerufen, den ich aus meiner Zeit bei Hertha BSC kenne und der jetzt als Berater tätig ist. Er begleitet Marlon schon seit dessen Jugend … sprich seit 16 Jahren. Das zeigt, welch guten Charakter der Spieler hat. Kai sagte: „Ich habe euch spielen sehen, das passt … rede du mit Marlon.“

Dann haben wir gesprochen … ich habe unsere Vision mit ihm geteilt. Zehn Minuten danach rief sein Berater an und sagte: „Ich weiß nicht, was du gemacht hast, aber er will zu euch.“ 

Du zehrst von deinem Netzwerk, das du dir aufgebaut hast?

Christopher Schorch: Ja, auch bei den Sponsoren. Als ich hierherkam, gab es 38 oder 40 Partner – mittlerweile sind es 168 Förderer, Sponsoren etc. Das zeigt, wie viel Potenzial in dieser Region steckt – wie viele Menschen und Unternehmen Bock darauf haben, das nächste Kapitel der Vereinsgeschichte mit uns gemeinsam zu schreiben. 

Unter anderem auch der neue Namensgeber fürs Stadion … das Unternehmen praemium, rund um die Fußball-verrückte Familie Tenbrock. 

Christopher Schorch: Wir sind echt stolz, mit praemium auch wieder ein Bocholter Unternehmen auf der Brust der Spieler, sprich auf den Trikots, zu sehen. Das ist vor allem Samiras Einsatz zu verdanken, die Klaus Tenbrock überzeugt hat in den Gesprächen. Ich war zwar dabei, aber die Idee dazu kam von ihr. 

Seit wann bist du hier an Bord, Samira?

Samira Berns: Ich bin seit knapp anderthalb Jahren hier am Hünting. Zuvor war ich beim SV Straelen als Marketingleiterin tätig. Parallel dazu habe ich meinen Master in „Sportbusiness Management“ gemacht. Als der SV Straelen Anfang 2024 Insolvenz anmelden musste, ging es für mich da nicht weiter. Christian Stanik (der Veranstaltungsleiter & Sicherheitsbeauftragte des 1. FC Bocholt) hat mich angerufen und gefragt, ob ich nicht die Leitung Organisation und Marketing beim 1. FC Bocholt übernehmen wolle. Nach mehreren Gesprächen habe ich mich entschieden, meinen Weg hier fortzuführen. 

Seid ihr mittlerweile hier wohnhaft oder müsst ihr arbeitstäglich anreisen? 

Christopher Schorch: Wir sind beide hier wohnhaft, auch mit eigenen Fahrrädern … also wirklich angekommen … 

Wie war denn dein Weg nach Bocholt … zum 1. FC … wie strandet ein weit gereister Fußballer wie du in dieser Region? 

Christopher Schorch: Nach 19 Operationen im Laufe der Karriere war es an der Zeit, die aktive Phase zu beenden. Wegen meiner Ex-Partnerin bin ich Anfang 2022 nach Bocholt gezogen. Woche für Woche habe ich mir dann die Vereine in der Region und ihre Spiele angesehen. Auf dem Hünting wurde ich dann von unserem Präsidenten Ludger Triphaus erkannt und angesprochen. Danach folgte ein Gespräch mit unserem Vizepräsidenten Wolfang („Wolly“) Jansen und letztendlich die erste Zusammenarbeit, als Assistent des Präsidiums. Damals war ich bei Wind und Wetter vier Monate bei den Trainings, um mit Trainern und Spielern zu sprechen – um daraus ein Jugendkonzept zu erstellen. Als Marcus John als neuer Cheftrainer und sportlicher Leiter zum KFC Uerdingen wechselte, öffnete sich für mich die Tür zum sportlichen Bereich der Ersten Mannschaft. 

… als Geschäftsführer Sport … aber mittlerweile auch auf der Trainerbank. 

Christopher Schorch: Aktuell ist es so, dass ich der Teamchef bin. Gemeinsam mit Gabi (gemeint ist Gabriele Di Benedetto), der die A-Lizenz hat, die wir für die Regionalliga brauchen, Sebastian Patzler, unserem Torwarttrainer, und Burkhard Pryk, unserem Athletiktrainer, bilden wir das Trainer-Team. Ich bin damals als Trainer eingesprungen, als Not am Mann war. Es war schon vor der Saison der Wunsch der Mannschaft, dass ich weitermachen solle. Dann kamen das Präsidium und viele der Hauptsponsoren auf mich zu. Wer sagt dazu schon Nein?

Jetzt ist es wieder da, dieses Feeling auf dem Rasen, der Geruch, der mich packt. Aber vor allem der unfassbare Spaß mit den motivierten Jungs, die sich weiterentwickeln wollen … genauso wie wir als Trainer-Team und der gesamte Verein. Die Mannschaft spielt einen tollen Ball, nur manchmal treffen wir auf dem Platz die falsche Entscheidung. Da kannst du noch so viel trainieren, letztendlich findet die Wahrheit auf dem Platz statt. 

Welche Menschen haben dich in deiner Karriere inspiriert? 

Christopher Schorch: Allen voran meine Eltern. Mein Vater wollte mich zwar zunächst beim Karate unterbringen. Aber als ich dann feststellte, dass die mich dort in den Spagat bringen wollten, war mein Interesse erloschen. Als ich sechs wurde, ist meine Mutter mit mir zum Fußball … und ab da war es dann um mich geschehen – der Ball war für mich Liebe auf den ersten Blick. 

Gab es Trainer- oder Spielertypen, die dich inspiriert haben? 

Christopher Schorch: Ich habe viele extreme Leute kennenlernen dürfen, wie Jürgen Röber und Falko Götze bei Hertha, Julen Lopetegui und Bernd Schuster bei Real Madrid, Christoph Daum in Köln etc. An Trainertypen hat es mir nie gemangelt – ich durfte viel lernen.

Das klingt so, als wenn du schon ausgelernt hast 😉 

Christopher Schorch: Bei Weitem nicht. Heute sind es insbesondere Personen aus dem Business jenseits des Fußballs, die mich inspirieren. Allen voran ein Unternehmer aus Bocholt – ein Mentor, mit dem ich mich austausche, mit dem ich philosophieren kann. 

Magst du seinen Namen nennen?

Christopher Schorch: Das wäre ihm nicht recht. 

Meinen fragenden Blick beantwortet Christopher nach einem kurzen Augenkontakt mit Samira mit der Nennung des Namens. Aber natürlich nur mit dem Versprechen, dass wir ihn nicht weitererzählen 😉

Ihr beiden wirkt so vertraut – seid ihr etwa ein Paar? … oder ist das auch ein Geheimnis? 

Christopher Schorch: Nein, das ist kein Geheimnis, dass wir beide unsere Zeit auch jenseits des Jobs miteinander teilen.  

Wenn ihr nach einem solchen Tag wie heute nach Hause kommt, könnt ihr dann fußballtechnisch abschalten? 

Christopher Schorch: Das ist eher selten – heute Abend sowieso unwahrscheinlich. Samira wird als eingefleischter Fan ihre Bayern in der Champions League verfolgen, während ich wahrscheinlich auf dem Laptop durch die zweite Liga surfe. 

Gibt es Favoriten in der ersten oder zweiten Bundesliga
 für dich? 

Christopher Schorch: Ich habe immer noch große Sympathien zu den Vereinen, in denen ich selbst gespielt habe und mit denen ich heute noch in Kontakt stehe. 

Okay … wir machen es konkreter … wer ist dein absoluter Lieblingsverein? 

Christopher Schorch: Wenn ich mich entscheiden muss … ganz klar Madrid. Weil diese drei Jahre die imponierendsten waren, die ich je erleben durfte … obwohl ich nicht gerne darüber spreche. 

Du weißt schon, dass jetzt eine Erklärung gut wäre 😉 

Christopher Schorch: Die Zeit hat mich geprägt – zweifellos. Ich spreche immer noch die Sprache, wir fahren immer nach Spanien in den Urlaub … Aber oftmals war es so, dass ich darauf reduziert wurde … auch in Interviews 😉

Okay, Themawechsel … wenn ihr zusammen kocht, was gibt es dann aus der kastilischen Küche rund um Madrid? 😉 

Christopher Schorch: Bei uns wird sehr oft „samirisch“ gekocht 😉

… sprach er mit einem Augenzwinkern. Nebenbei erfahre ich, dass der Name Samira aus dem Hebräischem kommt und von ihren Eltern in einer Zeitschrift entdeckt und für toll befunden wurde – nachdem ihre beiden älteren Schwestern bereist einen Vornamen mit „S“ erhalten hatten. Genauso wie Steaks und Scampis, die von Schorchi gelegentlich bevorzugt werden. Seit acht Monaten sind sie nun ein Paar, das die wenige freie Zeit mit der Familie verbringt oder auf den Fußballplätzen in der Region, wie z. B. beim SV Biemenhorst oder Blau-Weiß Dingden. Wobei auch Ausflüge zum MSV Duisburg, Rot-Weiss Essen auf dem Programm stehen – Hauptsache zusammen … Hauptsache Fußball. Wobei wir wieder beim Thema wären …. 

Lass uns die Themen Jugendkonzept und Vision noch mal angehen … was geht dazu in dir … in euch vor? 

Christopher Schorch: Wir haben in den letzten Jahren die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Kinder und Jugendlichen in der Region den Traum vom Fußballprofi leben dürfen, ohne von den Eltern nach Duisburg, Schalke oder sonst wohin gefahren werden zu müssen.  

Ich kenne euren aktuellen Kader (noch) nicht. Gibt es dort Talente aus der eigenen Jugend? 

Christopher Schorch: Wir haben mit Linus Olthoff einen langfristigen Vertrag geschlossen. Noah Michaels, Lutz Breuers und Kaspar Harbering gehören zum Kader der Ersten Mannschaft. Das sind alles Entwicklungen, die wir in einem Jahr umgesetzt haben. Dadurch dass unsere U19 von der Grenzlandliga in die Niederrheinliga aufgestiegen ist, dürfen wir aufgrund des anspruchsvolleren Niveaus auf die qualitative Weiterentwicklung unseres Nachwuchses gespannt sein. Spieler mit enormem Potenzial, die bei uns und mit uns den nächsten Schritt gehen können. Wir pflegen Kooperationen mit den Vereinen in der Region, wie zum Beispiel zum SV Biemenhorst, Blau-Weiß Dingden etc. Dadurch können wir unseren jungen Talenten die Möglichkeit bieten, dort Spielpraxis zu sammeln, sich weiterzuentwickeln …  und sich für den Sprung in den Profikader zu empfehlen. 

Das stellt eine Win-win-Situation für alle Beteiligten dar. Unsere Kooperationspartner bekommen die Qualitäten der Spieler für ein angemessenes Budget – so entwickeln wir uns mit den Spielern und den Vereinen weiter. 

Wenn wir auf das Potenzial und die gute Arbeit in unserer gesamten Jugendabteilung schauen, wird klar, dass Profifußball in Bocholt möglich ist, mit möglichst vielen Talenten aus den eigenen Reihen. 

So weit zur Jugend … jetzt zu Visionen … lass deinen Gedanken gerne freien Lauf …

Christopher Schorch: Wir haben hier ein gigantisches Umfeld, wo vieles sinnvoll und möglich ist. Zum Beispiel eine Zusammenarbeit mit dem Klinikum Westmünsterland, um den Sportlern in der Region Angebote im Bereich Reha, BG-zugelassene Physiotherapie etc. anbieten zu können. Der Ausbau des Areals am Hünting zu einem Sportzentrum mit Mehrzweckhallen, überdachten Fußballfeldern mit Kunstrasen, Volleyballfeldern, Gastronomie etc. … eine sportliche Begegnungsstätte. Das alles auch vor dem Hintergrund, die Schulen und Vereine zu entlasten … und den vielen jungen Menschen echte Alternativen und Mehrwerte zu bieten – jenseits digitaler Räume. Da habe ich in meinen Jahren in Bocholt durch meine Beobachtungen echten Nachholbedarf erkennt.  

Wie schaut es mit der Zuschauerentwicklung aus … seid ihr zufrieden? 

Christopher Schorch: Vor ein paar Jahren fanden zwischen 400 und 500 Zuschauer den Weg zu den Heimspielen am Hünting. Mittlerweile reden wir von über 2.000 Fans, die uns regelmäßig die Treue halten. Mit dem Bau der Bahia-Tribüne wird es 1.500 überdachte Sitzplätze geben – dann kommen die Menschen auch bei Regen ins Stadion.  Ich halte einen Zuschauerschnitt von 3.500 bis 4.000 durchaus für realistisch. 

Ich bin echt beeindruckt, was ihr hier entwickelt. Was wäre noch wichtig für die Leserinnen und Leser? 

Samira Berns: Vielleicht darf ich das beantworten, ohne dass es falsch rüberkommt. Bocholt ist eine extrem liebenswerte Stadt mit tollen Menschen. In diesem Verein habe ich gelernt, dass es wichtig ist, demütig zu bleiben, zu schauen, wo wir herkommen, und, dass manche Dinge halt Zeit brauchen. 

Respekt. Dieses Statement wurde sanft, aber bedächtig von Samira vorgetragen. Ich erinnere mich an den Spruch von Sigmund Freud: „Die Stimme der Vernunft ist leise – aber sie wird nie ruhen, bis sie sich Gehör verschafft hat.“ 

Christopher … muss noch was raus? 

Wichtig zu verstehen ist, dass wir das alles nicht für uns, für den Verein, sondern auch für die Stadt und die Region machen. Wir bauen hier etwas Nachhaltiges auf, was funktioniert. Uns ist es ein echtes Bedürfnis, den Verein wieder näher an die Stadt zu bringen, daran anzuknüpfen, was schon mal war. Wenn ich „wir“ sage, zähle ich dazu natürlich auch Christian Stanik, mit dem wir gemeinsam von morgens bis abends das Kernteam der Geschäftsstelle bilden … und die vielen Ehrenamtlichen, die sich für den Verein engagieren und einen tollen Job machen – bei einem Heimspiel unterstützen uns bis zu 60 Menschen. 

Genau wie Samira würde ich mir bisweilen mehr Gelassenheit und Ruhe wünschen. Das ist ungemein wichtig für dieses Gemeinschaftsprojekt. 

Weil es gerade passt … ein afrikanisches Sprichwort besagt: 
„Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.“
Vielleicht gilt das auch für den Rasen am Hünting – im übertragenen Sinn: für die langfristige Entwicklung von Infrastruktur und Kader.“

Gib uns doch mal einen Ausblick auf die nächsten Spiele … die Saison. 

Christopher Schorch: In den nächsten Wochen stehen noch spannende Spiele für uns an, bevor es in die Winterpause geht.

Am 24.01.2026 läuten wir im heimischen Stadion gegen den FC Gütersloh die Rückrunde ein. Und wir sind gespannt, wie sich nach dem letzten Spiel am 16. Mai 2026 … gegen Rot-Weiß Oberhausen hier am Hünting unser Tabellenplatz anfühlt. 

Ich verabschiede mich von zwei authentisch-sympathischen Menschen mit der Erfahrung, dass der Begriff „schwatte Liebe“ viele Facetten haben kann 😉 Wir sehen uns am Hünting.

1. FC Bocholt 1900 e. V.
Am Hünting 19, 46399 Bocholt
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