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Geteilte Gedanken

von | Nov 29, 2021 | AKTUELLES, KOLUMNE

Samstag 20. November 2021, 10:15 Uhr in einer Arztpraxis in Bocholt 

Über die Chayns-App hatte ich das Angebot mich „boostern“ zu lassen gebucht. Beim Einchecken und während der 15 Minuten, die man nach dem Piks warten soll, hatte ich viele „Erst-Impflinge“ um mich herum wahrgenommen. Teilweise sehr betagte Menschen, was mich wunderte, weil sie zur Hochrisikogruppe zählen.

Mein spontaner Gedanke: Wir sind schon ein sehr komisches Volk. Erst wenn ein gewisser Druck ausgeübt wird, werden wir aktiv. Das gilt auch für mich – die Steuererklärung für das Finanzamt erfordert bisweilen auch eine unfreundliche Erinnerung, bevor ich reagiere. 

Bei der Covid-Impfung war das für mich anders. Da schwang die Sorge mit, dass ich möglicherweise als Ungeimpfter dieses Virus auf andere Menschen übertragen könnte. Daraus erwuchs meine Verantwortungsbesusstein, mich impfen zu lassen. 

Sonntag 21. November 2021

Während ich die ersten beiden Impfungen ohne Nebenwirkungen hinter mir gelassen hatte, war ich nach dieser dritten Impfung am gestrigen Tage komplett ausgehebelt – mir ging es gar nicht gut.

 Zu den Schmerzen rund um die Einstichstelle gesellten sich Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen und in der Nacht zum Montag noch Fieber. Nach 1 ½ Tagen war der Spuk vorbei. Nicht viel im Vergleich zu dem Krankheitsverlauf, den mir ein Bekannter als „Genesener“ geschildert hatte – weder von der zeitlichen Komponente her, noch von den Ängsten und Emotionen in dieser Zeit. Trotzdem boten diese 36 Stunden sehr viel Raum zum Nachdenken, Überdenken, Neudenken:

Ich schaute mir noch einmal das Talkshow Debüt der Biontech Gründer Özlem Türeci und Uğur Şahi beim Kölner-Treff vom 18.09.2021 an. 25 Minuten und 44 Sekunden, die mich vor zwei Monaten darin bestärkten, das Richtige getan zu haben. Ich bin mit einem schwer erschütterbaren Ur-Vertrauen ausgestattet,
wofür ich meinen Eltern extrem dankbar bin. Aber angesichts dieser für uns alle nicht greifbaren Gefahr „Covid-19“ war ich nicht frei von Zweifeln. Diese hatten sich nach der Sendung nicht nur in Luft aufgelöst, sondern sich in die Hoffnung verwandelt, dass es diesem Paar, diesen sympathisch-beseelten Wissenschaftlern nebst Team gelingen könnte, ihre Ursprungsvision zu realisieren. Sprich mit den Erträgen ihres entwickelten Impfstoffes personalisierte Krebstherapien zu entwickeln. 

Am Sonntag war es eine Talkrunde bei Anne Will unter dem Thema: „Die Corona-Notlage – Kann Deutschland die vierte Welle noch brechen?“ , die mein Gedankenspiel antrieb: 

Insbesondere die Virologin Melanie Brinkmann verstand es, die Gefahr dieser hochansteckenden Delta-Variante sehr sachlich und plastisch auf den Punkt zu sprechen. 

Imponiert hat mir auch Cornelia Betsch (Professorin für Gesundheitskommunikation), die eine Hauptursache der derzeitigen Impfquote an einer suboptimalen Kommunikation festmachte. 

Überhaupt empfand ich diese Runde und den Umgang der Teilnehmer untereinander als vertrauensbildend und erkenntnisreich. Unter anderem wurde mir klarer als vorher, dass die Virologen ausschließlich ihrem pandemischen Wissen unterworfen sind, während Politik diese wissenschaftlichen Erkenntnisse mit ganz vielen anderen Interessen abzuwägen hat …. mit der Wirtschaft, mit psychischen Belastungen und Schädigungen unserer Kinder, unserer jungen Erwachsenen, mit uns allen …. etc. 

Aber …. großes ABER …. können wir uns eine solche Interessensabwägung derzeit noch leisten? Wenn nein, was sieht unsere Verfassung als höhenwertiges Grundrecht an? Haben die Väter unserer Verfassung ein solches Phänomen wie eine Pandemie mitdenken können? Wie sehen das Verfassungsrechtler und in letzter Instanz das Bundesverfassungsgericht? Haben wir die Zeit eine solche Entscheidung höchstrichterlich entscheiden zu lassen, sprich individuell auszusitzen – ohne zu handeln? 

Für mich habe ich die Entscheidung getroffen, vornehmlich den unaufgeregten, vertrauenswüdigen Virologen zuzuhören, eine Haltung zu entwickeln und mich nicht von der Politik und von Zweiflern beirren zu lassen. Es soll immer noch Menschen geben, die glauben, dass die Erde eine Scheibe ist. Ich persönlich kann das nicht widerlegen, weil ich nie weiter als bis nach Südafrika geflogen bin. Ich finde es generell beruhigend, mich bei eigenem Unwissen auf die Expertise von Spezialisten verlassen zu dürfen. 

Ich habe Respekt davor, dass dieses Ur-Vertrauen nicht von jedem geteilt wird bzw. geteilt werden kann. In der Regel gibt es nachvollziehbare Motive für Zweifel, für Misstrauen, für eine Entscheidung sich (noch) nicht impfen zu lassen. Bis zum Vorabend dieser Zeilen war ich der Meinung, dass die Liste meiner wahrgenommen Rechtfertigungen abschließend sei. Bei einem Abendessen mit einem guten Freund wurde mir unerwartet klar, dass er sich bislang nicht hat impfen lassen. Ein Mensch mit einer extrem hohen sozialen Kompetenz, nicht schwanger, nicht mit einem angeschlagenem Immunsystem ausgestattet, kein klassischer Bedenkenträger, geschweige denn Querdenker etc. 

Es folgte ein ehrlicher Austausch von Gedanken, statt eines Runterbetens von in Gehirn-Marmor gemeißelten Einstellungen. Kein verbaler Schlagabtausch, sondern echtes Zu – / Hinhören. Im Kern seiner (bislang) Nicht-Impfen-Lassen-Haltung habe ich wahrgenommen: Einen Covid-Informations-Tsunami, der uns alle überflutet hat, mit einer großen Sehnsucht nach einem Crew auf der Brücke, der man vertrauen kann. 

Letztendlich war dies der ausschlaggebende Punkt, diese Gedanken zu teilen. Ich hatte 36 Stunden im Bett und Sofa liegend Zeit, meine Gedanken reifen zu lassen. Ich habe nur ein paar Quellen angeführt, die für mich persönlich eine Haltung geformt haben, mit der ich mich wohl fühle.

Ergebnis: Man kann auf deutliche Crew-Ansagen warten – man kann aber auch alle Quellen nutzen, die jedem von uns zur Verfügung stehen und dazu zählt auch der nicht-dogmatischpolemische Austausch mit Andersdenkenden. 

Stand heute (Schreiben der Zeilen) tue ich mich schwer mit der Einforderung einer Impfpflicht. Wie sehen die dahinter liegenden Konsequenzen aus? Da poppen Bilder in meinem Kopf auf, die ich nicht bereit bin, zu sehen. 

Gibt es Alternativen? Es gibt einen Gedanken, der sich bei mir in den zurückliegenden Tagen ausgeschärft hat: 

„RESPEKT ist keine Einbahnstraße.“ 

Von Reinhard K. Sprenger habe ich vor 20 Jahren gehört: „Alles im Leben hat seinen Preis – Ich muss nur überlegen, ob ich bereit bin, diesen Preis zu zahlen.“ Eine Erkenntnis, die sich auf viele Lebenssachverhalte anwenden lässt. 

Seit der Erklärung des Ausbruchs der Pandemie in Deutschland sind mittlerweile 622 Tage vergangen. Ein Zeitraum gespickt mit schwer überhörbaren Rufen aus dem Kreise der Impfgegner nach RESPEKT vor ihren individuellen Freiheitsrechten. Das war eine zeitlang okay (für mich). 

Ist es vermessen, wenn jetzt aus dem Kreise der Pandemie-betroffenen Unternehmen, der Genesenen und Geimpften ebenfalls RESEKT eingefordert wird? Wenn Einkäufsmöglichkeiten, Restaurant- / Veranstaltungsbesuche etc. an eine Gruppe adressiert werden, die die Mehrheit in unserer Solidargemeinschaft darstellt?

 

Ist das Spaltung oder gelebter, gerechter RESPEKT?