Trauerrednerin, Geschichten-Erzählerin, Heilpraktikerin für Psychotherapie
Fotos & Text: Kirsten Buß
Manchmal trifft man Menschen, bei denen man sofort spürt, hier wird nicht „irgendwas angeboten“, hier wird etwas gehalten und wärmend gelebt. Brigitte Möllers vereint mehrere Welten und genau daraus entsteht dieser besondere Sog. Die klare Struktur der Heilpädagogik, die Tiefe therapeutischer Arbeit, die Weite spiritueller Praxis und die Kunst, Momente in Sprache zu verwandeln. Ihr Fundament ist breit und bewusst kombiniert. Diplom-Heilpädagogin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, systemischer Coach, Gesundheitspraktikerin inklusive Reiki- und Meditationslehrerin, schamanische und Hypnose-Ausbildung, Geschichtenerzählerin und Trauerrednerin sowie Trauerarbeit. Nicht als Sammelsurium, sondern als Grundstock, der ihre Arbeit in den unterschiedlichen Bereichen trägt.
Wir treffen uns in ihrem Raum, welcher bei uns gegenüber vom PAN Verlag & der Agentur liegt. Ich brauchte nur über die Straße zu gehen und als ich auf die Klingel der Münsterstraße 17 drückte, spürte ich, dass wird ein schöner uns außergewöhnlicher Termin.
Wir begrüßen uns, setzten uns auf einen Tee in ihre hellen gemütlichen Sessel und tauchen direkt ein. Ein Raum. Ein Moment. Eine Geschichte. Ihre Präsenz ist ruhig, aber nicht leise. Klar, aber nie kühl. Während ich mit ihr spreche merk ich dass ihre Arbeit nicht aus einzelnen Bausteinen besteht, sondern aus einer inneren Haltung heraus entsteht uns sie all ihre Fähigkeiten und Leidenschaften miteinander verknüpft. Ich habe mit Brigitte über Abschied, Geschichten, Seelenarbeit und die Kraft von Worten gesprochen.
Brigitte, du vereinst mehrere Ausbildungen und Rollen. Was verbindet all das für dich?
Für mich geht es immer um dasselbe. Menschen in einem Übergang zu begleiten. Ob das ein Abschied ist, eine Krise, ein innerer Umbruch oder einfach die Sehnsucht nach Klarheit. Ich möchte Räume öffnen, in denen etwas wieder in Bewegung kommen darf. Meine Ausbildungen sind kein Sammelsurium, sondern Werkzeuge. Und je nachdem, was ein Mensch gerade braucht, greife ich zu dem, was ihn wirklich weiterbringt. Ich habe beispielsweise eine Kiste und eigentlich auch einen ganzen Werkzeugschrank. In meiner Kiste liegen zum Beispiel Blumen, ein Fernglas oder eine Brille. Ich gebe Menschen diese Gegenstände ganz bewusst in die Hand. Nicht als Spielerei, sondern als Verstärkung. Wenn jemand ein Fernglas benutzt, verändert sich der Blick. Mit einer Brille wird etwas schärfer.
Eine Blume kann für etwas Zartes stehen, für Wachstum oder Vergänglichkeit. Diese kleinen Accessoires helfen, sich intensiver mit einem Thema zu beschäftigen. Und wenn sie ihre Wirkung getan haben, darf man sie mir wieder zurückgeben.
Ich arbeite viel mit kleinen Geschichten oder kurzen Meditationsreisen. Manchmal muss etwas gar nicht groß sein, damit es verstanden wird. Im Gegenteil. Kennst du die Geschichte mit dem Loch? Am ersten Tag ist da ein riesiges Loch auf dem Weg, man fällt hinein und versteht gar nicht, wie das passieren konnte. Am zweiten Tag sieht man es schon, stolpert aber trotzdem noch hinein. Und am dritten oder vierten Tag erkennt man es rechtzeitig und läuft drum herum. Genau so funktioniert Entwicklung. Es braucht Wiederholung, Bewusstsein und manchmal einfach Zeit.
Und dann gibt es da noch meine Matruschka. Sie steht hier in meinem Raum, original aus Russland, und sie ist nicht rot, sondern grün. Dieses Grün wirkt beruhigend. Wenn ich sie öffne und eine Puppe nach der anderen herausnehme, wird sichtbar, was sich im Laufe eines Lebens alles um unseren Kern gelegt hat. Ganz innen sitzt oft das innere Kind. Und drum herum haben sich Schichten gebildet. Erfahrungen, Schutzmechanismen, Rollen. Diese Bilder helfen, Dinge nicht nur zu verstehen, sondern zu fühlen. Und genau darum geht es mir.
Du hältst Trauerreden. Was bedeutet Abschied für dich?
Eine Trauerrede ist für mich kein formaler Programmpunkt innerhalb einer Zeremonie. Sie ist eine Würdigung. Ich schaue auf das Leben eines Menschen mit allem, was
dazugehört. Stärken, Eigenheiten, Ecken, Hoffnungen. Es geht nicht darum, etwas glatt zu ziehen oder nur das Schöne herauszustellen, sondern wahrhaftig zu erzählen. Wenn Hinterbliebene am Ende sagen: „Ja, genau so war er“ oder „So habe ich sie noch einmal ganz neu gesehen“ , dann entsteht etwas Heilsames.
Abschied ist natürlich schmerzhaft. Und dennoch, auch wenn es noch so traurig ist, es ist immer auch ein Neubeginn. Nicht im Sinne von „weiter wie vorher“, sondern im Sinne von, das Leben verändert sich. Wir verändern uns. Und wir lernen, mit der Erinnerung zu leben.
Mir ist wichtig, dass bei einer Trauerrede auch geschmunzelt werden darf. Wärme entsteht genau dadurch. Früher hat man gesagt: „Wir haben das Fell versuppt.“ Man saß zusammen, hat erzählt, gelacht, geweint, Geschichten geteilt. Und in diesem Erzählen liegt unglaublich viel Heilung. Wenn wir über den Verstorbenen sprechen, ehrlich, liebevoll, manchmal auch mit einem Augenzwinkern … das hilft.
Natürlich macht es einen Unterschied, wie alt ein Mensch war oder unter welchen Umständen er gestorben ist. Wenn ein sehr junger Mensch geht oder wenn ein Suizid im Raum steht, ist die Trauer eine andere, oft vielschichtiger, sprachloser. Dann braucht es noch mehr Sensibilität, noch mehr Raum. Aber auch dann geht es darum, den Menschen in einer guten Erinnerung zu halten. Nicht, um das Schwere auszublenden, sondern um das Leben nicht aus dem Blick zu verlieren.
Ich wünsche mir, dass am Ende einer Trauerrede nicht nur Schmerz im Raum steht, sondern auch Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass man diesen Menschen hatte.
Dass man Zeit teilen durfte. Dass es gemeinsame Momente gab. Wenn dieses Gefühl entstehen darf, dann hat die Rede ihren Sinn erfüllt.
Du bietest auch Trauerarbeit zu einem späteren Zeitpunkt an. Warum ist das wichtig?
Weil nicht alles sofort sagbar ist. Manchmal ist der erste Abschied noch zu nah, zu roh, zu überwältigend. In den ersten Tagen steht oft die Organisation im Vordergrund, das Funktionieren, das Durchhalten. Und erst Wochen oder Monate später entsteht der Raum, wirklich zu fühlen oder Fragen zu stellen, die vorher keinen Platz hatten.
Ich erlebe auch, dass Menschen nicht nur um den Verstorbenen trauern, sondern auch um das, was nicht war. Um Worte, die nie gefallen sind. Um Nähe, die gefehlt hat. Gerade wenn wir an die Nachkriegsgeneration denken, unsere Großeltern etwa, wird das sehr deutlich. Viele von ihnen konnten nicht geben, was sie vielleicht gerne gegeben hätten. Nicht, weil sie nicht wollten, sondern weil ihre eigenen Sorgen, ihre eigenen Erlebnisse so groß waren, dass kaum Raum blieb für emotionale Feinfühligkeit oder entwicklungspsychologisches Verständnis. Das Leben war geprägt von Mangel, von Wiederaufbau, von Überleben.
Als Hinterbliebene dürfen wir das verstehen lernen. Nicht entschuldigen im Sinne von „es war alles gut“, sondern begreifen, dass die Zeit eine andere war. Dass die Möglichkeiten andere waren. In einer Trauerarbeit kann genau dieser Blick entstehen. Ein reiferes Verstehen, ein Einordnen, ein sanftes Sortieren. Ich sage dann oft, man darf damit heil werden. Es geht darum, den inneren Knoten zu lösen, nicht den anderen nachträglich zu verändern.
Wenn wir anfangen, Zusammenhänge zu erkennen, wird aus Vorwurf manchmal Mitgefühl. Und aus Mitgefühl kann Frieden entstehen. Trauerarbeit schafft dafür einen bewussten Rahmen. Sie erlaubt es, Erinnerung noch einmal anders zu betrachten und das vielleicht versöhnlicher, vielleicht klarer. Und wenn am Ende nicht nur Traurigkeit bleibt, sondern auch ein stilles Einverständnis mit dem Gewesenen, dann ist etwas Wichtiges passiert.
Neben dieser sehr berührenden Arbeit stehst du auch auf einer ganz anderen Bühne. Als Geschichtenerzählerin. Wie kam es dazu? Und was macht eine gute Geschichte für dich aus?
Geschichten waren für mich schon immer mehr als Unterhaltung. Sie öffnen Perspektiven. Sie erlauben uns, Dinge indirekt zu betrachten und genau dadurch oft klarer zu sehen. Wenn ich erzähle, darf es opulent sein, kapriziös, verschlungen, tiefsinnig oder auch einmal grotesk. Aber niemals alltäglich, verletzten oder unter der Gürtellinie. Ich erzähle an den unterschiedlichsten Orten und zu den verschiedensten Anlässen.
Im Weinhaus bei Petra mache ich das nun schon seit elf Jahren. Ein Ort, der für mich fast so etwas wie eine zweite Bühne geworden ist. Dort erzähle ich gerne Geschichten mit einem verschmitzten Blick auf die Welt. Und es passiert etwas ganz Besonderes, die Menschen beginnen, sich selbst in diesen Geschichten zu entdecken. Zwischen einem Glas Wein und einem guten Satz entsteht plötzlich ein leiser Aha-Moment. Denn in dieser Atmosphäre, warm, bodenständig, ohne große Schwelle, werden Gespräche möglich, die sonst vielleicht nicht geführt würden. Es ist nahbar. Ungekünstelt. Und gleichzeitig tiefgründig.
Genau diese Mischung ist mir wichtig. Bodenständigkeit und Tiefe, aber immer mit Leichtigkeit. Geschichten dürfen berühren, dürfen zum Nachdenken anregen aber sie dürfen auch schmunzeln lassen. Für mich ist Erzählen dann gelungen, wenn sich jemand gesehen fühlt, ohne dass es schwer wird. Wenn ein Gedanke bleibt, aber das Herz leicht ist.
Das, was man spricht, ist nicht dasselbe wie das, was man liest. Geschriebene Worte können zurückspringen, nachhallen, erneut betrachtet werden. Gesprochene Worte hingegen entstehen im Moment und sie vergehen wieder. Deshalb braucht Erzählen Rhythmus. Und vor allem eins, Pausen! Eine Pause ist kein Leerlauf. Sie ist Raum. Raum für den Zuhörer, um innerlich mitzugehen, ein Bild entstehen zu lassen, einen Gedanken zu Ende zu denken. Ohne Pause bleibt eine Geschichte Information. Mit Pause wird sie Erfahrung. Erst in der Stille kann das Gesagte landen.
Und an dieser Stelle möchte ich unbedingt Rita vom Weinhaus erwähnen. Sie hört meine Geschichten vorher, ist meine erste Zuhörerin und geht mit einer sehr wohlwollend, konstruktiven und ehrlichen Kritik mit mir um. Das ist unglaublich wertvoll. Liebe Rita, danke dafür.
Als Heilpraktikerin für Psychotherapie arbeitest du auch mit systemischen Aufstellungen. Du arbeitest auch mit Reiki und Energiearbeit. Wie erklärst du das Menschen, die damit wenig Berührung haben?
Dass Dinge sichtbar werden, die vorher nur diffus gespürt wurden. Wenn Zusammenhänge im Raum stehen, wenn Rollen und Dynamiken greifbar werden, entsteht Klarheit. Und Klarheit ist oft der erste Schritt in Richtung Veränderung. Manchmal zeigen sich dabei überraschende Lösungen. Nicht, weil ich sie vorgebe, sondern weil sie sich aus dem Bild heraus entwickeln. Sehr bodenständig. Die Form von Energiearbeit heißt für mich nicht Nebel oder Mystik, sondern Achtsamkeit. Reiki kann unterstützen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Stell dir Energieübertragung ganz einfach vor. Du hast Kopfschmerzen und legst dir automatisch die Hand auf die Stirn. Warum? Weil es gut tut. Oder ein Kind fällt hin. Was machen wir? Wir nehmen es in den Arm. Auch das ist Energieübertragung. Wärme, Nähe, Berührung. Das ist nichts Fremdes. Das ist menschlich.Wir spüren, dass Berührung etwas reguliert. Dass sie beruhigt. Dass sie verbindet. Mit Energie umzugehen, ist manchmal ganz einfach. Reiki arbeitet genau mit diesem Prinzip. Nur bewusster, strukturierter, achtsamer. Es geht darum, einen Raum zu öffnen, in dem sich jemand wieder ins Gleichgewicht bringen darf. Nicht spektakulär. Nicht dramatisch. Sondern ruhig, klar und unterstützend.
Und mir ist wichtig, eins sauber zu kommunizieren, denn meine Arbeit ersetzt keinen Arzt oder Heilpraktiker. Sie ergänzt. Sie begleitet. Sie kann stärken, aber sie tritt nicht an die Stelle medizinischer Behandlung.
Brigitte, ein letzter Satz zum Abschluss. Wenn du deine Arbeit in einem Satz beschreiben müsstest, welcher wäre das?
Vielfältig, inspirierend und getragen von der Überzeugung, dass man mit kleinen Dingen oft mehr bewirken kann als mit großen Worten, aber niemals mit erhobenem Zeigefinger.
Brigitte Möllers
Therapieraum: Münsterstraße 17, 46397 Bocholt // Tel.: +49 (0) 171 123 31 20 // brigitte.moellers@web.de // www.brigittemoellers.de











